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Das Romanbauwerk

Tipps für Romanbaumeister zur Figurengestaltung, zum Handlungs- und Spannungsaufbau, zur Liebesgeschichte und zur Schauplatzbeschreibung

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Copyright 2011 Robert Storch

Cover: Als Vorlage diente das Bild „Zygiella_web.jpg“, das vom Benutzer DocTaxon mit Erlaubnis von Laura Bassett auf Wikipedia hochgeladen wurde: Link zu Zygiella_web.jpg

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Figuren in "Die Säulen der Erde"

Charakterisierung durch die Umgebung

An den Taten sollt ihr die Figuren messen

Spießer als Hauptfiguren

Die Erschaffung des genialen Jack

Charakterisierungen aus mehreren Perspektiven

Wenn Sympathieträger brandschatzen

Eine Runde Mitgefühl für den Bösewicht

Die Hand Gottes

Die Abstimmung der Charaktere

III. Handlungs- und Spannungsaufbau in "Die Säulen der Erde"

Ein Geheimnis für 1300 Seiten

Abwechslung - eine Notwendigkeit

Abwechslung II

Die drei Ebenen der Spannung

Der lange Weg von der Problemstellung zur Problemlösung

Neue Konflikte durch Konfliktlösung

Überleitungen

Verlustangst

Dramatik pur aus allen Einstellungen

Thomas Gottschalks Auftritt in "Die Säulen der Erde"

Das Horrorszenario

Die Verschnaufpause - nur scheinbar harmlos

Was folgt auf den Höhepunkt?

Kleine Konflikte für viele Szenen

Was "Die Säulen der Erde" und das "Wunder von Bern" gemeinsam haben

Handlung vs. Charakter - eine Zwickmühle für den Autor

Höhepunkte verbinden

Übersinnliches und Spekulation

Der Schluss: Genugtuung pur

IV. Die Liebesgeschichte in "Die Säulen der Erde"

Die Regeln der Liebesgeschichte

Wie zeigt man Liebe?

V. Schauplätze in "Die Säulen der Erde"

Schauplätze - besser als im Film

Schauplätze nach dem Zeitsprung

VI. Nobody's perfect

Unlogisches / Unrealistisches

Geschmackssachen

Kleinigkeiten

VII. Epilog

Die Genesis


I. Einleitung

„Die Säulen der Erde“ von Ken Follett ist der erfolgreichste Historische Roman der Welt. Auch mich fesselte dieses Buch. Aber ich fragte mich auch: Wie hat Ken Follett das gemacht? Mit welchen Mitteln schaffte er Figuren, die der Leser nicht mehr vergisst? Wie gelang es ihm, über 1300 Seiten die Spannung nicht nur aufrecht zu halten, sondern immer wieder bis zur Unerträglichkeit zu steigern?

Ich setzte mich ein zweites Mal vor dieses Buch und analysierte es. Diese Analyse hat sich gelohnt, aus zwei Gründen:

Erstens: Grundlegende Techniken der Figurenentwicklung und des Spannungsaufbaus bekam ich am praktischen Beispiel vorgeführt.

Zweitens: Aha-Erlebnisse: Ich gewann neue Erkenntnisse.

Die grundlegenden Techniken (Erstens) wurden bereits in hunderten von Schreibratgebern erklärt, meist von viel kompetenteren Autoren als mir. Ich habe mich deshalb darauf beschränkt, die Aha-Erlebnisse (Zweitens) auf meiner Homepage www.schreibstorch.de zu veröffentlichen. Mit der Zeit sammelten sich viele Beiträge an, die ich nun in diesem Buch nach Themen gegliedert zusammenfasse, auf dass sie jeder interessierte Romanbaumeister auf einen Blick studieren kann.

Diese Beiträge sind nur Ergänzung, nicht Ersatz für das Studium der ausführlichen Schreibratgeber.

Wer von den folgenden Ausführungen den größten Nutzen haben will, sollte „Die Säulen der Erde“ gelesen haben.

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II. Die Figuren in „Die Säulen der Erde“

Ken Follett ist es in "Die Säulen der Erde" gelungen, vielschichtige Figuren zu erschaffen: Der Leser erfährt den Lebensweg jeder Hauptfigur, ebenso deren prägende Ereignisse und Charaktermerkmale. Bei diesen Merkmalen konzentriert sich Follett auf ein bis drei wesentliche Merkmale, die er im Lauf des Romans oft wiederholt, damit auch der trotteligste Leser sie mitbekommt. Aber wie bringt man diese Merkmale an den Leser? Beispiel: Ein Merkmal von William ist seine Angst vor der Hölle. Um diese Information zu vermitteln, kann man schreiben: "William hat Angst vor der Hölle." Viel anschaulicher ist es jedoch, ihn leichenblass werden zu lassen, wenn ihm jemand mit der Hölle droht.

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Charakterisierung durch die Umgebung

Wie tickt eine Figur? Um dies dem Leser zu vermitteln, schildern Autoren deren Gedanken, Äußerungen und Handlungen (siehe auch das Kapitel „An den Taten sollt ihr die Figuren messen“).

Eine weniger bekannte, aber effektive Möglichkeit, eine Figur zu charakterisieren, praktiziert Ken Follett bei der Figur des Königs Henry. Er beschreibt, wie sich die Menschen in dessen Umgebung verhalten: Die Menschen im Gefolge achten darauf, dem König nie zu nahe zu kommen, sondern behandeln ihn mit vorsichtiger Vertrautheit, als fürchten sie, er könne jederzeit wild um sich schlagen.

Was sagt dies über König Henry aus? Der König hat Autorität (sie achten darauf, ihm nie zu nahe zu kommen), ist nicht unbeliebt (Vertrautheit), aber manchmal auch aufbrausend und unberechenbar (könnte jederzeit wild um sich schlagen).

Fazit: Mit einem kurzen, anschaulichen Satz hat Ken Follett die Persönlichkeit des Königs umrissen. Nicht durch das Verhalten des Königs selbst, sondern durch das seines Gefolges.

Überlegung: Wie verhielte sich das Gefolge bei einem schwachen König? Es würde lustlos hinter ihm hertrotten, würde sich vielleicht sogar hinter seinem Rücken über ihn lustig machen.

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An den Taten sollt ihr die Figuren messen

Philip macht aus dem trostlosen Nest Kingsbridge eine blühende Stadt, Tom und Jack bauen die Kathedrale, Aliena zieht einen Wollhandel auf und bringt am Ende des Buches die Grafschaft wieder zum Erblühen.

William vergewaltigt, beutet die Menschen und Erträge seiner Grafschaft aus und überfällt Kingsbridge mit Walerans Unterstützung.

Fazit: Die Guten bauen auf, die Bösen zerstören. Allein durch die Handlungen „Aufbauen“ und „Zerstören“ werden die Figuren in Gut und Böse eingeteilt.

Besonders gut kann man diese Charakterisierung durch die Handlungen im letzten, dem 18. Kapitel sehen: Philip sorgt für einen Friedensschluss zwischen Becket und Heinrich, Waleran heizt den Streit anschließend neu an, der schließlich zur Ermordung Beckets führt.

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Spießer als Hauptfiguren

Ein Mönch hält sich an jedes Gelübde; er hüstelt verlegen, wenn er den Umhang eines Neugeborenen zurückschlägt und feststellt, dass es ein Junge ist. Insgesamt ein netter, drolliger Typ. Aber auf den ersten Blick auch ein Langweiler. Will ich wirklich von so jemandem lesen?

Oder will ich von dem liebenden Familienvater lesen, der gut und strebsam ist im Beruf, höflich zu höherstehenden Personen? Wieder so ein netter Typ. Aber verspricht er eine spannende Geschichte?

Säulen-der-Erde-Kenner werden es erraten haben: Mit dem Mönch spiele ich auf Philip an, der Familienvater ist Tom. Diese beiden Figuren sind am Anfang des Romans die Hauptsympathieträger und gleichzeitig Beweis dafür, dass man keine Superhelden oder Exzentriker erschaffen muss, um spannende Geschichten zu schreiben.

Wie kann Follett nun mit diesen langweiligen Spießer-Typen eine spannende Geschichte entwickeln? Die Lösung ist bei Weitem nichts Neues, sie wurde auch vor Follett schon tausend Mal verwendet. Es ist das Thema: Gewöhnliche Typen werden außergewöhnlichen Prüfungen ausgesetzt und wachsen dabei über sich hinaus. Auch im Film begegnet uns dieses Schema oft: Zu Beginn wird eine glückliche Familie gezeigt, dann passiert etwas Schlimmes, was die Familie vor eine Zerreißprobe stellt: Entweder wird das Kind entführt oder der Vater wird von einer Kollegin der Belästigung beschuldigt oder … (bitte selbst ergänzen).

Das Zauberwort ist: Identifikation. Der Leser kann sich mit diesen gewöhnlichen Typen besser identifizieren als mit einem Superhelden oder einem Exzentriker. Er hat das Gefühl: Das könnte mir auch passieren!

Sehen wir uns Philip genauer an: Zu Beginn leitet er eine Außenstelle des Klosters von Kingsbridge. Er hat diese Außenstelle innerhalb kurzer Zeit autark gemacht und ist glücklich damit. Die Mönche betrachtet er als seine Herde, in gewissem Sinn sind sie seine Familie. Er hat keine Ambitionen zu Höherem. Bis er zufällig kurz nach dem Tod des Priors nach Kingsbridge kommt. Doch selbst hier zögert er, als andere Mönche ihn drängen, für das Amt des Priors zu kandidieren. Schließlich lässt ihm seine Wut über die Missstände im Kloster keine andere Wahl: Er tritt an und wird zum Prior gewählt. Seine Prüfung besteht nun darin, das Kloster wieder auf Vordermann zu bringen und nebenbei eine Kathedrale zu bauen. Als wäre das nicht genug, muss er sich noch mit Bischof Waleran und den Hamleighs herumschlagen. Auch hier sucht er nicht den Konflikt. Aber als ihm diese Konflikte aufgezwungen werden, geht er ihnen nicht aus dem Weg. Obwohl er nicht so mächtig ist wie seine Feinde, kämpft er mit aller Kraft für sein Kloster und die Kathedrale. All diese Prüfungen, an denen Philip wächst, machen aus diesem gewöhnlichen, beinahe langweiligen Menschen eine außergewöhnliche Figur, an die sich der Leser noch lange zurückerinnert.

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Die Erschaffung des genialen Jack

Wie vermittelt man Genialität? Hier gilt das gleiche wie für alle anderen Charakterzüge: am besten durch Handlungen. Jack kann schon als Kind hervorragend zeichnen; später, als Lehrling, erschafft er wundervolle Skulpturen. Und wenn Tom ihm den Aufbau einer Kathedrale erklärt, versteht Jack ihn sofort, noch bevor Tom zu Ende gesprochen hat. Tom ist daraufhin etwas beleidigt, weil die Geheimnisse des Kathedralenbaus von einem Lehrling sofort durchschaut werden können.

Doch Follett benutzt noch ein weiteres Mittel, um Jacks Genie herauszustreichen: den Vergleich zwischen Tom und Jack: Tom ist über zehn lange Kapitel der große Oberabchecker in Sachen Kathedralenbau, dazu noch ein kunstfertiger Steinmetz; er hat sich diese Kenntnisse durch jahrzehntelange Erfahrung auf vielen Baustellen erworben. Und dann kommt der Lehrling Jack daher und meißelt Skulpturen, die Toms Fertigkeiten übertreffen.

Diese Übertrumpfung des bisher überragenden Tom zeigt Jacks Genialität besser als alles andere.

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Charakterisierungen aus mehreren Perspektiven

Ken Follett erzählt die Geschichte um die Kathedrale von Kingsbridge aus insgesamt fünf Erzählperspektiven: Tom, Philip, Jack, Aliena, William. Ihre Wahrnehmungen und Gedanken fließen in den Roman. Natürlich machen sich diese Figuren auch Gedanken über die anderen Figuren. Dabei kommt es vor, dass zwei Figuren eine völlig verschiedene Meinung über eine dritte Figur haben.

Beispiel: William und Jack denken im ersten Buch völlig verschieden über Aliena: William hasst sie wegen der Zurückweisung, die er von ihr erfahren hat, gleichzeitig begehrt er sie immer noch. Der elfjährige Jack dagegen bewundert sie (er nennt sie "Prinzessin"). Der Leser ist nun aus zwei Gründen neugierig auf Aliena: Zum einen weiß der Leser wegen der unterschiedlichen Charakterisierungen nicht so recht, woran er mit ihr ist, zum anderen schildern William und Jack sie nur aus einer gewissen Distanz, sodass der Leser nicht ihre innersten Gedanken und Gefühle erfährt. Der Leser muss sich bis zum sechsten Kapitel gedulden: Hier kommt zum ersten Mal die Erzählperspektive Alienas zum Einsatz, ihre Gedanken und Gefühle werden intensiv geschildert. Danach weiß der Leser, woran er mit ihr ist.

Ein weiteres Beispiel für sehr verschiedene Meinungen über eine Figur ist Alfred: Er hat keine eigene Erzählperspektive, also sieht ihn der Leser nur durch die Augen anderer Figuren. Als Erstes wird Alfred durch seinen Vater Tom charakterisiert. In Toms Augen ist Alfred zwar ein wenig dumm und desinteressiert am Bauhandwerk, aber eigentlich ein guter Junge. Die Vaterliebe blendet seine Sicht. Alfreds Brutalität tritt erst hervor, wenn Jack seine Erlebnisse mit Alfred erzählt, später folgt dann noch Aliena.

Charakterisierungen sind auch eine zusätzliche Spannungsebene: Der Leser fragt sich nicht nur, wie die Handlung weitergeht, sondern auch, wie sich die Figuren entwickeln.

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Wenn Sympathieträger brandschatzen

Was halten Sie von einem Vater, der sein eigenes Kind aussetzt? Oder von einem Jungen, der eine Kathedrale anzündet? Nicht viel? Gar nichts? Verbrecher, die weggesperrt gehören? Nun, in "Die Säulen der Erde" geschieht genau dies: Ein Vater setzt sein Kind aus, ein Junge brandschatzt eine Kathedrale. Jedoch sind hier nicht die Bösewichte am Werk, sondern zwei Sympathieträger des Romans: Tom und Jack. Das Verblüffende ist: Sie sind auch nach der Kindesaussetzung und nach der Brandschatzung noch sympathisch. Wie hat Ken Follett es geschafft, dass seine Figuren auch nach diesen Taten noch sympathisch bleiben, dass der Leser weiterhin mit ihnen mitfiebert und ihnen nur das Beste wünscht?

Ich habe vier Punkte ausgemacht, die das bewerkstelligen:

Erstens - Identifikation vor den Taten: Unmittelbar vor der Kindesaussetzung und der Brandschatzung beschreibt Ken Follett die Figuren Tom und Jack als äußerst sympathische Menschen: Tom, wie er sich um seine Familie sorgt, wie er auf Essen verzichtet, damit seine Kinder mehr essen können; und wie schließlich seine Frau bei der Geburt des Kindes stirbt.

Jack, wie er mit großen Kinderaugen die für ihn fremde Welt auf Earlscastle beobachtet, die "Prinzessin" Aliena bewundert und von den anderen Kindern ausgelacht wird. Dies alles sind Aktionen und Geschehnisse, die bei den Lesern in hohem Maß Sympathie und Mitleid erzeugen, was eine starke Identifikation zur Folge hat. Somit haben diese Figuren einen Vertrauensbonus: Der Leser hat sie so sehr liebgewonnen, dass er ihnen diese Missetaten verzeiht bzw. überhaupt nicht als solche anrechnet.

Zweitens - Mildernde Umstände: Tom ist nach dem Tod seiner Frau verständlicherweise vollkommen verwirrt. In diesem Geisteszustand entscheidet er sich, das Kind im Wald auszusetzen. Ein weiterer mildernder Umstand ist die Tatsache, dass das Kind sowieso sterben müsste (nach dem Tod der Mutter haben sie keine Milch, um es zu ernähren, die nächste Stadt ist drei Tage weg).

Jack brennt die Kathedrale nieder, damit Tom, der Baumeister, wieder Arbeit bekommt. Andernfalls hätten sie wieder kein Geld und müssten hungern. Jack brandschatzt also die Kathedrale, um nicht mehr hungern zu müssen. Außerdem ist Jack ein Kind – ein weiterer mildernder Umstand.

Drittens - Gewissensbisse: Die Figuren haben Gewissensbisse ob ihrer Taten. (Dies ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu Bösewichtern: William ist stolz auf sich, als er Kingsbridge niederbrennt.) Bei Tom werden die Gewissensbisse so stark, dass er schließlich umkehrt, um seinen Sohn zu holen.

Auch Jack überlegt vor der Brandschatzung hin und her, ob er es wirklich tun soll. Er hält es für eine furchtbare Sünde.

Viertens - Kein ernsthafter Schaden: Am Ende richten sie durch diese Aktionen keinen echten Schaden an: Toms Kind wird durch die Aussetzung sogar gerettet, indem es ins Kloster kommt und dort versorgt wird.

Beim Brand der Kathedrale werden keine Menschen ernsthaft verletzt und alle wertvollen Gegenstände können gerettet werden. Nur die alte, hässliche und zum Teil schon eingestürzte Kathedrale ist niedergebrannt - um sie ist es nicht schade. Und - vielleicht am wichtigsten - Jack rettet mit dieser Brandschatzung sich und seine Familie womöglich vor dem Hungertod, weil Tom nach diesem Brand Arbeit bekommt.


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