Excerpt for Aus Dem Dunkel Der Nacht 1 - Kreaturen by Gunter Arentzen, available in its entirety at Smashwords

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Publisher:

SHUTUP Verlag

Schulstraße 1

76761 Rülzheim

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Copyright by G. Arentzen 2009

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Covergestaltung:

Linda Rodemer

Lektorat:

Susanne Schnitzler

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Smashwords Edition

Kreaturen

Die 1. Novelle aus dem Dunkel der Nacht

G. Arentzen

- I -

Die Leibwächter meines Geschäftspartners sind Werwölfe. Diese Biester können sich in den teuersten Zwirn zwängen – am Ende bleiben sie räudige Köter. Man sieht es an ihren geschmeidigen Bewegungen, an ihrem wachen Blick und an ihren Halsmuskeln.

Ich habe nichts gegen Werwölfe, damit das klar ist. Im Gegenteil, ich weiß einen guten Köter im Bett zu schätzen. Es verleiht dem Sex etwas Animalisches, Wildes, wenn sich das Biest während des Ficks verwandelt. Auch wenn die Krallen hässliche Wunden reißen können. Aber hey – der Schmerz macht es noch ein bisschen geiler. Stehen mir die Werwölfe jedoch gegenüber, bereit, sich bei der geringsten Gelegenheit auf mich zu stürzen, gefällt mir das ganz und gar nicht. Zumal ich meinen Geschäftspartner noch nicht kenne. Es ist unser erstes Treffen, entsprechend gereizt sind wir.

Es ist kalt, denn das Jahr neigt sich dem Ende entgegen. Halloween liegt gerade hinter uns, Weihnachten wirft bereits seine Schatten voraus. Man kann keinen toten Kobold werfen, ohne Lebkuchen, Adventskalender oder Christbaumschmuck zu treffen.

Jedes Jahr die gleiche, verlogene Scheiße!

Hast du den Stoff?“, will ich von meinem Gegenüber wissen.

Hast du das Geld?“, fragt er in gebrochenem Englisch. Er ist Kolumbianer, was man ihm auch ansieht. Sein weißer Anzug bildet einen hübschen Kontrast zu seiner braunen Haut, der Hut auf seinem Kopf wirkt fast schon stereotyp. Ebenso wie der Schmuck, den er trägt. So, als wolle er mit seinem Reichtum protzen. Dabei ist er nur der Kurier, seine Bosse würden sich nie und nimmer auf solch ein Treffen einlassen.

Little Daniel, die Glocke im großen Turm der St. Michaels, schlägt zwölf Mal.

Mitternacht.

Über uns scheint ein bleicher Mond, oft verdeckt von schweren Wolken. Wären nicht die Straßenlaternen in der Umgebung, wir würden im wahrsten Sinne des Wortes im Dunklen tappen.

Der Parkplatz, auf dem wir den Deal abwickeln wollen, liegt etwas abseits der breiten, belebten Straßen. Hier parken jene, die in den großen Fabriken außerhalb der Stadt arbeiten. Knapp zweihundert Meter entfernt befindet sich eine Haltestelle der Hochbahn; sie verbindet das Industriegebiet mit der City.

Jetzt, mitten in der Nacht, weht das Steppengras über die breite, betonierte Fläche. Lediglich zwei Wagen parken etwas abseits, sind aber leer. So wie die Haltestelle verwaist ist; die nächste Bahn fährt erst um halb vier.

Wir haben also alle Zeit der Welt, wollen wir das Geschäft unter Dach und Fach bringen. Kokain von guter Qualität für mich, 150.000 US-Dollar für meinen Geschäftspartner.

Eine simple Sache.

Denke ich.

Si“, bestätige ich auf Spanisch. Lebt man im Süden der USA, dann sollte man diese Sprache beherrschen. Macht man mit Peruanern und Kolumbianern Geschäfte, dann erst recht.

Gut.“ Er nickt einem seiner Leibwächter zu. Dieser bestätigt die damit verbundene Order, indem er kurz blinzelt. Lässig lässt er die Zentralverriegelung des Mercedes Benz aufschnappen, mit dem die Drei kamen. In ihm liegt eine Tasche mit dem Stoff.

Der Köter öffnet diese und zeigt mir das Pulver. Zudem reicht er mir einen kleinen Apparat, mit dem ich eine Probe nehmen und per Schnelltest analysieren kann.

Gute Ware“, bestätige ich nach zwei Proben. Der Köter erhält von mir einen Koffer mit Geld, den er checkt.

Wieder nickt der Kolumbianer, als ihm das Ergebnis der Prüfung gefällt; keine Blüten, kein Zeitungspapier unter einer dünnen Schicht echter Kohle. Er nimmt das Geld, ich die Tasche mit dem Kokain – und schon bricht die Hölle über uns herein.

Zwei starke Strahler flammen plötzlich auf. Sie stehen auf der Trasse der Hochbahn und erhellen den gesamten, verdammten Parkplatz.

Mehrere Wagen jagen mit eingeschaltetem Blaulicht heran, Beamte des Madison Police Departements bellen Befehle, zigfach verstärkt durch Flüstertüten.

Du hast uns verraten“, zischt der Kolumbianer. Könnten Blicke töten, ich würde tot zu Boden sinken.

Ich? Wer ist denn hier die Ratte?“, gebe ich zurück, reiße meine Pistole aus dem Halfter unter meiner Winterjacke und schieße, noch bevor es der Kolumbianer verhindern kann. Eine Kugel für jeden Köter, der dritte Schuss gilt ihm.

Wäre ich bei dieser Aktion stehen geblieben, die Cops hätten mich erwischt. Doch noch während die Köter sterben suche ich Schutz hinter dem Benz. Von dort erschieße ich auch den Dealer, lasse eine Salve wütender Schüsse in das Blech des Wagens einschlagen und überlege mir verzweifelt einen Fluchtplan.

Meine Chancen stehen schlecht, denn anders als der Kolumbianer glaubte bin ich keine verdammte Verräterin. Die Bullen wollen mich; tot oder lebend.

Wahrscheinlich ist ihnen tot lieber, denn dann haben sie weniger Arbeit.

Als die Waffen für einen Moment schweigen rolle ich nach links, hinter dem Wagen hervor, und schieße auf die elenden Strahler.

Das Glas zerplatzt unter den Einschüssen, jemand schreit und die Finsternis kehrt zurück.

Anschließend leere ich das Magazin, indem ich ungezielt auf die Trasse der Hochbahn feuere.

Die Wagen des MPD sind fast heran. Noch während das leere Magazin aus dem Griff der Sig-Sauer gleitet, quietschen die Bremsen mehrerer Fahrzeuge. Türen werden aufgestoßen, wieder werden Befehle gebrüllt. Ich solle mich ergeben, schlagen sie vor, meine Waffe auf den Boden werfen und mich mit hinter dem Kopf verschränkten Händen neben den Wagen knien.

Jener, der mir diesen Vorschlag unterbreitet hat, stirbt durch einen glücklichen Treffer, als die Kugel aus meiner Waffe das Fenster des Polizeiwagens durchschlägt und in seinen Kopf eindringt.

Wieder bellen Schüsse auf, wütender noch als zuvor. Mich erinnert die Szene an einen verdammten Kriegseinsatz irgendwo in Afrika.

Ein Hubschrauber jagt über den Platz, Tränengas wird abgeworfen.

Meine Chance.

Noch während sich die weißen Schwaden ausbreiten bin ich auch schon auf den Beinen und laufe, als wäre der Teufel hinter mir her. Mein Ziel ist klar – eine schmale Mauer, die den Parkplatz vom Ufer des Handerson Rivers trennt. Gelingt es mir, den Fluss zu erreichen, dann habe ich es geschafft.

Fast glaube ich, das Glück sei auf meiner Seite. Zwar schießen die Cops wieder, aber keine Kugel kommt auch nur in meine Nähe. Sie glauben noch immer, ich würde hinter dem Benz kauern. Im Schutz der Schwaden erreiche ich die Mauer, schwinge mich über sie – und sehe von links den Griff eines Gewehrs, der mit großer Geschwindigkeit auf meinen Kopf zurast.

Zwar will ich mich noch zur Seite werfen, aber es ist zu spät. Hart trifft mich die Waffe, Sterne zerplatzen vor meinen ohnehin brennenden Augen, Übelkeit schießt meine Kehle empor.

Alles um mich herum wird weich, leicht. Meine Gedanken fließen zäh, so dass ich meinen eigenen Sturz wie in Zeitlupe erlebe.

Jemand tritt mir in den Magen, ein anderer hämmert mir den Lauf seiner Waffe zwischen die Augen. Ich sehe Hass in den Blicken der Männer, die mich umringen. Paralysiert nehme ich zwar wahr, was um mich herum geschieht, kann mich aber nicht regen.

Alice – jetzt sitzt du tief in der Scheiße, denke ich noch. Dann tritt mich einer der Cops erneut, trifft meinen Kopf und schon umfängt mich eine gnädige Ohnmacht.

- II -

Miss Wood, wissen Sie, wie viele Leute durch Sie gestorben sind?“

Die Stimme des Mannes klingt wütend. Er trägt einen Anzug von der Stange. Sein Sakko wird von der Dienstwaffe ausgebeult. Weder hat er sich mir vorgestellt noch läuft ein Aufnahmegerät. Mein Anwalt ist ebenfalls nicht zugegen.

Sparen Sie sich das für Ihren Auftritt vor Gericht“, murmele ich. Mein Kopf schmerzt, als würde in ihm jemand Abrisssprengungen vornehmen.

Ich liege in einem weichen, bequemen Bett, eine Infusion tropft in meinen Arm. Es hat Vorteile, als Kriminelle in einem Krankenhaus zu liegen. Einzelzimmer, besondere Sorgfalt bei der Behandlung … Schließlich will der Staat keinen Skandal, weil er eine Gefangene hat krepieren lassen.

Ich habe ein wenig recherchiert“, lässt mich mein Besucher wissen. „Ihre Mutter ist eine Hure, ihr Vater ein … Hochelf?“

Mein Vater“, erwidere ich verärgert, „zahlte meiner Mutter 70 Dollar für einen Blowjob und einen Fick. Sie verhütete nicht, weil Hochelfen keine Geschlechtskrankheiten übertragen oder menschliche Frauen schwängern können. Tja, keine Regel ohne Ausnahme, wie sich neun Monate später zeigte. Das ändert aber nichts daran, dass mein Vater für den Sex zahlte und sich dann verpisste. Ich weiß, dass meine Ohren wegen ihm ein wenig spitzer sind, dass ich schneller laufe als Menschen und ein gewisses Talent im Umgang mit Waffen in die Wiege gelegt bekam. Aber sonst ist da nichts, was mich mit den Hochelfen verbindet. Sie können mich nicht besonders gut leiden. In ihren Augen bin ich ein Freak, ein Unfall. Eine Einschätzung, die meine Mutter übrigens teilt.“

Ich seufze. Die Kopfschmerzen machen mich verrückt. „Aber das spielt ohnehin keine Rolle, oder? In ein paar Wochen verurteilt mich eine ordentliche Jury zum Tode durch Erschießen, der Henker jagt mir eine Kugel in den Kopf und schon ist die Akte geschlossen. Und jetzt rufen Sie die Schwester, damit sie mir eine Schmerztablette bringt.“

Sechs Leute“, setzt mein Besucher die Unterhaltung fort. Mein kleiner Ausbruch interessiert ihn so wenig wie meine Bitte um Medizin. „Zwei Werwölfe und vier Menschen, davon drei Beamte des Madison Police Departements. Gute Männer, die nun im Leichenschauhaus der Stadt liegen.“ Bitterkeit spricht aus seinen Worten. „Sie haben Ehemänner und Väter erschossen.“

Sparen Sie sich das für Ihren Auftritt vor Gericht. Jetzt will ich meinen Anwalt und eine Schmerztablette.“ Meine Geduld ist am Ende, der Schmerz in meinem Schädel zu groß. „Als ob mich ein paar tote Menschen mehr oder weniger noch interessieren würden“, setze ich leise hinzu.

Für einen Moment wendet sich der Mann ab. Vermutlich ringt er um Selbstbeherrschung. Als er mich wieder anschaut, ist sein Gesicht eine Maske. „Ich arbeite nicht für das MPD und werde auch nicht vor Gericht aussagen. Wenn die Dinge nach Plan laufen, wird es überhaupt keine Verhandlung geben.“

Oh, Sie sind der schwarze Rächer, der das Problem selbst löst. Billiger für den Staat, schmerzloser für die trauernden Hinterbliebenen. Bitte ...“ Ich breite die Arme aus. „Schießen Sie, damit diese elenden Kopfschmerzen endlich aufhören.“

In diesem Moment ist mir egal, ob er eine Waffe zieht oder nicht. Mein Leben war verwirkt, als mich die Cops erwischten. Er kann es hier erledigen oder ein Henker tut den Job nach einer rituellen Verhandlung. Noch immer glaubt ein Großteil der Amerikaner, die Todesstrafe sei eine gute Sache.

Ich nicht, und das aus naheliegendem Grund.

Haben Sie jemals etwas von der Nightmare-Squad gehört?“, fragt mein Besucher. Er nimmt sich einen Stuhl und setzt sich. Plötzlich wirkt er wie ein Geschäftsmann. Der Hass auf mich weicht professioneller Neutralität.

Sicher“, gebe ich müde zurück. „Eine weltweit operierende Spezialeinheit der United Nations, um die schwersten Verbrechen an und von paranormalen Wesen Grenzen übergreifend aufzuklären, zu verhindern und zu ahnden.“ Ich denke nach. „United Nations International Preternatural Investigations Team – UNIPIT.“

Die einzige Einheit der Vereinten Nationen, die von allen Mitgliedsstaaten akzeptiert wurde; selbst von den Schurkenstaaten im Nahen und Mittleren Osten.“ Das Lächeln, welches er mir nun schenkt, wirkt falsch, freudlos. Seine Augen bleiben neutral. „In der Praxis besagt das wenig. Agenten der Nightmare-Squad werden im Iran oder in Saudi Arabien schneller verhaftet und gefoltert, als sie Werwolf sagen können. Später entlässt man sie mit ein paar billigen Entschuldigungen oder wirft ihnen Spionage vor. Es ist stets die gleiche Scheiße.“

Was in drei Teufels Namen hat das alles mit mir zu tun?“, will ich wissen. „Ist das eine subtile Form der Folter? Ich will endlich ein Schmerzmittel, verdammt. Habe ich darauf nicht sogar Anspruch?“

Sie haben Anspruch darauf, die Schnauze zu halten“, erklärt mir mein Besucher lapidar.

Er tut, als müsse er nachdenken.

Die Nightmare-Squad besteht aus zwölf Agenten sowie sechs Wissenschaftlern. Sie alle sind gut ausgebildet und wissen, was sie zu tun haben. Keiner von denen fragt nach Menschenrechten, nach der Genfer Konvention oder nach den Gesetzen des jeweiligen Landes. Sie tun, was getan werden muss, gedeckt durch eine Resolution der United Nations aus dem Jahr 1981.“

Weiß ich. Alles schon x-fach gehört. Selbst auf Youtube kann man sich Videos anschauen, die diesen Mist bis ins kleinste Detail erklären.“ Ich stehe auf. Zwar darf ich den Raum nicht verlassen, den Gang auf die Toilette können sie mir jedoch nicht verbieten. Dort angekommen kann ich endlich den Schwesternruf betätigen. Eine Möglichkeit, die mir zuvor nicht offenstand; mein Besucher hatte mir den Rufknopf am Bett abgenommen.

Findet man auf Youtube auch etwas zum Tode von Agentin Donna Black aus Großbritannien?“

Die Stimme des Mannes dringt gedämpft durch die Tür des Klos.

Ach, die ist tot?“, rufe ich zurück. „Hab sie mal in einem Interview gesehen. Schade, sie war niedlich.“

Ich wische.

Wie ist sie denn gestorben?“

Das wissen wir nicht. Sie und ihr Partner waren in Myanmar unterwegs, als sie verschwanden. Ein paar Tage später schickte man ihren Kopf an ihren Vorgesetzten in New York. Laut der Wissenschaftler war sie bereits tot, als man sie enthauptete. Ihr Partner wird weiterhin vermisst.“

Ich wasche meine Hände und verlasse die Hygienezelle wieder. Die Krankenschwester kommt just in dem Moment herein, als ich zurück zum Bett gehe. „Schmerzen“, lasse ich sie wissen, „im Kopf.“

Sie nickt und reicht mir eine Tablette. Dankbar nehme ich sie entgegen. Am liebsten würde ich die junge Frau küssen, so dankbar bin ich ihr. Zudem hat sie hübsche Grübchen.

Da ich jedoch nicht nur eine Patientin bin, sondern in ihren Augen wahrscheinlich auch ein Monster, lasse ich sie ohne Kuss ziehen.

Mein Besucher wartet, bis die Krankenschwester gegangen ist. Erst dann öffnet er eine schmale Dokumentenmappe. Er muss sie mitgebracht haben, auch wenn sie mir zuvor nicht auffiel.

Sie ist so billig wie sein Anzug. Sweet Jesus – meine Unterhose war vermutlich teurer als seine komplette Kleidung.

Sie haben die Wahl, Miss Wood. Wir können den Dingen ihren Lauf lassen; dann werden sie in etwa einem Jahr exekutiert. Oder Sie erklären sich einverstanden, künftig für UNIPIT zu arbeiten. Wir brauchen eine neue Agentin, Sie verfügen über das Können und die Kaltblütigkeit, diesen Job zu erledigen. Zudem ist es kein Drama, wenn man uns Ihren Kopf schickt.“

Fast schon glaube ich, das Medikament würde Wahnvorstellungen auslösen. Halluzinationen, die mich seltsame Dinge hören lassen. „Hä? Ich heiße Alice Wood, nicht Nikita.“

Sie waren Söldnerin in Afrika und Südamerika, ehe sie die dort geknüpften Kontakte nutzten, um ins Drogengeschäft einzusteigen. Vor weniger als zwölf Stunden haben Sie sechs Leute erschossen, aber Sie interessieren sich nur für ihre Kopfschmerzen. Kein Bedauern, keine Reue. Solche Leute sind es, die den Erfolg von UNIPIT sichern.“ Wieder lächelt er sein freudloses Lächeln. „Donna Black war lange Zeit Mitglied einer der letzten noch aktiven IRA-Splittergruppen. Sie sah einem Leben im Gefängnis entgegen, ehe wir sie rekrutierten. Und ihr Partner Alfredo gehörte der sizilianischen Mafia an.“

Ein Club handverlesener Schurken“, stelle ich verblüfft fest. Der Schmerz in meinem Schädel klingt ab, mein Hirn arbeitet wieder normal. „Wie haben Sie die alle unter Kontrolle?“

Keiner von ihnen will liquidiert werden“, erwidert mein Besucher. „Genau das tun wir aber, wenn sich jemand nicht an die Regeln hält. Nach außen hin sind die Mitglieder der Nightmare-Squad Helden, nach innen wissen wir, dass es sich um eine Bande extrem gut bezahlter Verbrecher handelt, die auf diese Weise ihre Schuld an der Gesellschaft abtragen. Das gilt nur für die Agenten, nicht für die Wissenschaftler und die Leitung.“

Ach was? Und ich wollte schon fragen, wen Sie erschossen haben.“

Er wirft mir ein paar Unterlagen zu. „Die Behörden von Madison sind nicht begeistert, dass wir Sie rekrutieren. Sie wollen Sie sterben sehen. Für all die Freunde, die sie verloren haben. Aber internationale Interessen überwiegen den Wunsch nach Vergeltung. Sie wohnen in einem kleinen Appartement in New York City, ihr Gehalt ist üppig. Sie können also Ihren dekadenten Lebensstil beibehalten. Bisher erreichte kein Agent unserer Organisation das Rentenalter, machen Sie keine Pläne.“

Damit steht er auf und geht zur Tür. „Beim kleinsten Fehltritt lassen wir Sie eliminieren. Ist das klar?“

Zählt Falschparken auch dazu?“

Er starrt mich an. „Lecken Sie mich, Agent Wood.“

Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss, ich bin allein. Das also muss man tun, um einen gut bezahlten Job bei der UNO zu bekommen. Erschieße ein paar Cops, schon sind sie an dir interessiert. Und andere verschwenden ihre Zeit, indem sie Bewerbungen schreiben …

Meine Optionen sind nicht eben üppig. Entweder, ich lasse mich anklagen und hinrichten, oder ich mache mich für UNIPIT zum Affen und sterbe ein bisschen später.

Die dritte Möglichkeit besteht in einer spektakulären Flucht. Aber das würde meinen Lebensstandard ruinieren. Wer flieht hat keine Zeit, in guten Restaurants zu essen oder sich in edlen Clubs ansprechen zu lassen. Das kulturelle Leben leidet unter einer Flucht ebenso wie das Sexleben; beides ist mir zu wichtig, als dass ich diese Option ernsthaft in Erwägung ziehen würde.

Nach ein paar Minuten der stillen Einkehr komme ich zu dem Schluss, dass UNIPIT nicht so schlecht ist wie der Henker. Zumal mir der Gedanke kommt, entgegen aller Wahrscheinlichkeit doch das Rentenalter erreichen zu wollen. Regeln waren für mich schon immer vor allem dazu da, gebrochen zu werden. Keiner erreichte das Rentenalter? Gut, dann bin ich eben die große Ausnahme.


- III -

Ich kenne New York City aus den Nachrichten; so wie die meisten Amerikaner auch. Besucht hatte ich den Big Apple in der Vergangenheit nie. Zu groß, zu laut, zu stickig, zu … New York City eben. Ich fühle mich in einem echten Dschungel weitaus wohler als im Dschungel der Großstadt. Muss an den Genen liegen, denn Hochelfen schätzen die Natur.

Mein Appartement, von den Vereinten Nationen gezahlt und damit Teil meines Lohns, liegt in der 48. East – Ecke Second Avenue. Keine billige Adresse, wie bereits das Gebäude aus dem späten 19. Jahrhundert beweist. Stuck, Gargoyles an der Fassade, im Inneren ein Aufzug und ein Empfang, der rund um die Uhr besetzt ist.

Meine Wohnung umfasst drei Zimmer, Küche und Bad sowie zwei separate Toiletten. Sie ist komplett eingerichtet, bis hin zum Notebook, einem Flat-TV und einer X-Box 360; ein Erbstück der jüngst verschiedenen Donna Black.

Ihre Kleidung wurde aus dem Schrank geräumt, ihre Waffen hingegen nicht; sie gehören nun ebenso mir wie der PDA, ein paar Kreditkarten und Reisetaschen. In eine von ihnen liegen ein paar Tampons; offenbar war der Reinigungstrupp nicht allzu gründlich. Oder sie dachten, ich hätte dafür Verwendung.

Was ja auch stimmt …

Es ist bereits nach acht am Abend, als ich mein Appartement zum ersten Mal richtig inspizieren kann. In billigen Filmen erhalten die auf bizarre Weise rekrutierten Agenten Tarnnamen, müssen mit ihrem bisherigen Leben komplett aufräumen, gehen einer Tarnbeschäftigung nach.

In meinem Fall ist das absoluter Bullshit.

Ich verbrachte den gesamten Vormittag damit, mich zu registrieren, mein Konto hierher in den Big Apple zu transferieren, Bilder für Dienstausweise anfertigen zu lassen, mich bei den wichtigen Stellen innerhalb der Vereinten Nationen vorzustellen, meinen Computer-Account einzurichten, Dienstvorschriften zu lesen, unzählige Unterschriften unter unzählige Dokumente zu setzen und ein paar Dinge fürs Abendbrot einzukaufen; mein Kühlschrank ist leer bis auf eine Dose Dauerwurst, die Donna in Deutschland kaufte.

Meine Nachbarin hat einen Hund, vielleicht frisst er das Zeug.

Noch immer heiße ich Alice Wood, meine Kontaktliste bei ICQ ist prall gefüllt und auf der Startseite von Facebook berichte ich von meinem Umzug und meiner neuen Tätigkeit. Meine Freunde dort wussten ohnehin nicht, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Nun glauben sie, ich sei schon immer eine Polizistin gewesen; On the Internet, nobody knows you're a dog.

Die Clubs in unmittelbarer Nachbarschaft zu meiner Wohnung sind edel, teuer und werden von den Mitarbeitern der Vereinten Nationen besucht. Auch mein Boss, jener der mich rekrutierte, aus Miami stammt und Peter Cormack heißt, besucht ein paar dieser Lokale; meist gemeinsam mit seiner Frau.

Im Temple No. 1, ein kleiner, verschwiegener Club nur zwei Straßen von meinem Appartement entfernt, treffe ich Sandra Bajram; meine neue Partnerin. Ich weiß nicht, warum man sie rekrutiert hat und sie weiß nicht, warum ich bei der Truppe bin. Solche Informationen, das machte mir Cormack bereits zu Beginn klar, sind nicht wichtig, werden nicht kommuniziert und auch nicht erfragt. Uns wurde eine zweite Chance gegeben, was zuvor war, zählt erst nach unserem Ableben.

Da Sandra verdammt geschickt im Umgang mit Computern zu sein scheint, schießt meine Fantasie jedoch ins Kraut. Wie eine Killerin sieht sie jedenfalls nicht aus. Blondes Haar, blaue Augen, sinnliche Lippen und eine recht normale Figur, die sie weder auf das Cover eines Magazins noch in die Ausstellung einer Freakshow bringt. Sie ist Miss Durchschnitt, und das ist auch okay. Die meisten Menschen sind so.

Ich selbst bilde da keine Ausnahme. Auch wenn ich muskulöser wirke, zudem die fein geschnittenen Züge sowie die hohen Wangenknochen der Hochelfen besitze, über leicht angespitzte Ohren verfüge und man mich am ehesten als Schneewittchen bezeichnen könnte, steche ich nicht aus der Masse hervor.

Sandra winkt mir zu, als sie mich sieht.

Verdammt.

Mir reicht, dass wir acht oder mehr Stunden Seite an Seite arbeiten. Muss man auch nach dem Dienst beisammen sitzen? Als Söldnerin mied ich ähnliche Zusammenkünfte nach dem Dienst, als Kriminelle war ich Einzelgängerin.

Dennoch folge ich ihrer Einladung, nehme Platz und schenke ihr dabei ein kurzes Lächeln. Sie ist auf ihre Weise niedlich, ihr Äußeres spricht mich an. So, wie mich auch das Äußere des Kellners anspricht, der mir eilfertig eine Karte bringt. Schlank, ein warmes Lächeln auf den Lippen und eine Ausbeulung dort, wo Männer ausgebeulte Hosen haben sollten.

Meine Mutter lehrte mich nicht viel. Auch wenn sie sich bemühte, fehlte ihr der Draht zu mir. Das eine aber, das sie mich lehrte, das beherzige ich seit Jahren. Hab Spaß und scheiß drauf, was andere denken.

Darum gab es stets Männer und Frauen in meinem Leben, manchmal nacheinander, manchmal gleichzeitig und manchmal auch zusammen in einem Bett. Es ist nur Sex, sonst nichts.

Du suchst also auch etwas Zerstreuung, bevor ab morgen der Ernst des Lebens beginnt. Ich bin echt gespannt, was auf uns zukommt. Ich eine Polizistin – die Ironie könnte kaum größer sein.“ Sandra Bajram lächelt noch immer. „Nimm den Manhatten Ice Tea. Er schmeckt ausgezeichnet.“

Danke für den Tipp.“ Ich ordere besagten Cocktail, greife nach ein paar Nüssen, die in einer kleinen Schale auf dem Tisch stehen und schaue mich um. Chrom und Holz bestimmen die Einrichtung. Alles sehr geschmackvoll und edel.

Selbst die Musik passt dazu, denn sie kommt nicht aus der Konserve, sondern von einem Pianospieler im mittleren Alter.

Ein paar Politiker sitzen an den Tischen, Angestellte der Vereinten Nationen und Reporter, die sich Notizen machen. Wir befinden uns in New York City, aber davon merkt man hier drinnen wenig. Über allem schwebt der Hauch des Erlesenen, des Auserwählten.

Du hast häufiger mit … Biestern … zu tun?“, fragt Sandra. Sie benutzt jenen Ausdruck, den etwa 98 Prozent der Menschen für paranormale Wesen benutzen. Wobei wir darüber streiten könnten, ob der Mensch die Norm darstellt; und wenn ja – warum.

Biester ist ein Schimpfwort. Auch wenn das manchen nicht klar ist. Wie Nigger für Schwarze oder Chinks für Chinesen, wie Krauts für Deutsche oder Spagetti für Italiener.

Ich hasse das Wort, denn ich bin zur Hälfte ein Biest. Ein paar Typen meinten mal, mich so nennen zu müssen; Friede ihrer Seele.

Hin und wieder hatte ich mit paranormalen Lebensformen zu tun, ja. Und wenn du es dir gleich am ersten Tag mit mir verscherzen willst, dann nennst du sie weiterhin Biester.“ Ich schiebe meine langen, schwarzen Haare zur Seite, so dass sie meine Ohren sehen kann. „Alles klar?“

Oh, okay.“

Sie lächelt noch immer, meine kleine Warnung interessiert sie nicht. Oder sie hat verstanden und hält sich künftig daran, ohne sich die Laune verderben zu lassen.

Was … Ich weiß, dass ich es nicht fragen soll, aber … Warum haben sie dich …?“ Sie wirkt verlegen, während sie die Frage stellt.

Regeln sind dazu da, gebrochen zu werden“, erwidere ich. „Eine Zeit lang verdiente ich mein Geld als Söldnerin. Dann wurde mir klar, dass meine Kontakte aus Südamerika nützlich sein könnten und so stieg ich in den Handel mit feinem, weißem Pulver ein. Mein letzter Deal ging schief, ein paar Leute starben; darunter drei Polizisten. Sie ließen mir die Wahl – Nightmare-Squad oder ein fairer Prozess mit einem fairen Todesurteil.“

Shit“, wispert Sandra. Ihre Augen leuchten. „Mit dir erlaubt man sich besser keinen Scheiß, oder?“

Nein.“ Der Drink wird serviert. Ich warte, bis der Kellner wieder gegangen ist. „Und du?“

Verschiedenes. Ein paar Hacks hier, ein paar Fishing-Seiten da, ein Crawler für soziale Netzwerke und schon flossen all die schönen Dollar auf mein Konto. Zu blöd, dass mich mein Partner verriet, um die Belohnung zu kassieren. Tja, ich kenne mich zwar nicht mit den Bie... paranormalen Lebensformen aus, aber dafür mit Computern. Und da die Vampire, Werwölfe und auch die Elfen nicht nur Magie nutzen, sondern die Segnungen des Computerzeitalters …“

Ein Computer ist für mich eine paranormale Lebensform, denn er tut nie das, was ich erwarte.“ Ich nippe an dem Drink. „Gut!“

Ja.“ Sandra blinzelt in die matte Lampe, die über unserem Tisch hängt. „Wir könnten jetzt in kleinen Zellen sitzen und gegen grauen Beton starren. Stattdessen sitzen wir in einem edlen Club mitten in New York City, schlürfen Manhatten Ice Tea und genießen den Abend. Eigentlich nicht schlecht für zwei Frauen von Lande, oder?“

Warten wir mal ab, wie weit wir es noch bringen. Die Friedhöfe im Big Apple sollen ja auch recht hübsch sein ...“


- IV -

Ist alles in Ordnung?“, will Sandra wissen, als ich das Büro im Tiefgeschoss des United Nations-Gebäude betrete, meine Tasche – Donna Blacks Tasche, die sie nun nicht mehr braucht und die ebenfalls in meinem neuen Appartement lag, leer und sauber – neben dem Schreibtisch abstelle und mich schwer auf den teuren Bürostuhl sinken lasse. „Du siehst aus, als hättest du eine schreckliche Nacht hinter dir.“

Schrecklich? Nein, das kann man nicht behaupten. Kurz, das ja. Und wenig Schlaf. Aber schrecklich … Nope.“

Oh, ich verstehe.“ Meine neue Partnerin grinst breit. „Wie heißt der Glückliche?“

Keine Ahnung; Namen sind Schall und Rauch. Ich kehrte ihn aus der Wohnung, noch bevor ich mir einen Kaffee machte.“

Ich hatte den Mann aufgerissen, nachdem Sandra bereits nach Hause gegangen war. Er saß ein wenig verloren an der Theke des Temple No. 1, klammerte sich an seinen Drink und wirkte einsam. Also sprach ich ihn an, das eine führte zum anderen und nach kaum dreißig Minuten spürte ich seine Hände auf meinem nackten Körper.

Nun sitze ich im Büro, das grelle Licht großer Neonröhren scheint hell auf mich herunter und der Computer verlangt die Eingabe eines Passworts, das ich noch nicht auswendig kenne.

Ich dachte, man würde uns nach Myanmar schicken“, überlege ich laut, während ich in meinen Unterlagen das Passwort suche, mich dann aber daran erinnere, es geändert zu haben. Der Name meines ersten Hundes, gefolgt von meinem Geburtstag.

Mächtig subtil, hu?

Das läuft vermutlich auf anderer Ebene ab“, erwidert Sandra. „Ich habe zwar auch damit gerechnet, aber Cormack hat wohl andere Pläne mit uns.“ Sie schenkt mir einen prüfenden Blick. „Warst du schon einmal in Myanmar?“

Nein, bisher nicht. Ist kein guter Ort, die Militärdiktatur regiert mit eiserner Faust.“ Endlich lässt mich der Computer ins System.

Automatisch werden die neuesten Nachrichten geladen und übersichtlich nach Themengebieten gegliedert präsentiert. Es gibt Level-1 Informationen – diese betreffen uns direkt.

Dann gibt es Level-2 Informationen, also all das, was der Rest der UNO so tut. Und zum Schluss Level 3; Weltgeschehen, Politik und Sport.

Cormack klopft an die Tür des Büros, noch während ich die News lese. Kurz darauf steht er im Raum und schaut uns nachdenklich an. Großer Gott, welche Monstren habe ich geschaffen, scheint er zu überlegen. Dann aber schiebt er seine Bedenken beiseite. Wir sind nun seine Untergebenen, egal was auch immer wir getan haben. Unser Leben für ihn und das UNIPIT. Er kann uns jederzeit liquidieren lassen, ohne dass jemand nach den Gründen fragt. Das hat er mir noch einmal verdeutlicht. Mein Plan ist, ihm hierfür keinen Grund zu liefern.

Die nächsten drei Tage sind die Vampire dieser Welt in New York City zu Gast“, lässt uns der Boss wissen. „Nun ja, nicht alle auf einmal, aber die Vertreter der wichtigsten Verbände, Organisationen und Räte. Zudem haben sie VIPs eingeladen … das ganze Programm eben. Die Presse flippt deswegen aus, die amerikanische Ministerin für paranormale Belange hat ihr Kommen angekündigt.“

Und jetzt ist denen das Blut ausgegangen und sie brauchen Frischfleisch?“

Cormack schüttelt den Kopf. „Nein, Miss Wood, so ist es nicht. Sie und Ihre Partnerin werden sich dieses Getümmel anschauen. Bleiben Sie ein paar Stunden vor Ort, besuchen Sie die Messe, hören Sie den Reden zu … Religiöse Fanatiker haben Proteste angekündigt. Das NYPD ist zwar vor Ort, aber wir sollten dennoch einen wachen Blick auf den Kongress werfen. Schließlich sind es internationale Teilnehmer.“

Wird gemacht.“ Ich greife nach meinem PDA. „Wo findet der Zirkus statt?“

Madison Square Garden.“ Cormack wendet sich ab, hält dann aber noch einmal inne. „Viel Glück Ihnen ...“


*


Vampire sind Ausgeburten der Hölle!

Nein, dies ist nicht meine Meinung. Der Spruch steht vielmehr auf einem Schild, das eine Nonne in die Höhe hält. Sie gehört zu den Demonstranten, die sich vor dem Madison Square Garden eingefunden haben, um gegen den Kongress der Vampire dieser Welt zu protestieren.

Andere Banner stoßen ins gleiche Horn. Einzig Allah ist mächtiger als der Mensch, heißt es da etwa, oder auch Vampirismus ist eine Seuche, die man heilen muss!

Denkst du, dass man Vampirismus heilen muss?“, fragt Sandra, während wir uns dem Eingang nähern.

Wenn es der Betroffene möchte, dann ja, Wenn nicht, dann soll man ihm seine Andersartigkeit lassen.“ Ich winke ab. „Früher wollten die religiösen Spinner Homosexualität heilen, weil es angeblich gegen Gott und die Natur ist. Heute sind es Vampire und andere Wesen. Die Religion verabscheut all das, was nicht in ihr überkommenes Weltbild passt. Vielleicht sollte man die Menschen von Religion kurieren. Das wäre fortschrittlich.“

Menschen und Vampire stehen in einer Schlange vor dem Eingang. Wir reihen uns ebenfalls artig ein, rücken Stück für Stück vor und stehen schließlich vor einem verdammt gut aussehenden Blutsauger. Sein Lächeln scheint ins Gesicht gemeißelt, seine blauen Augen sind dazu in der Lage, den Menschen zu durchschauen und hinab auf seine Seele zu blicken.

Gut, dass ich zum Teil elfisch bin; die Attraktion von Vampiren und Werwölfen wird mir zwar bewusst, kann mich aber nicht bannen. Auch sind Vampire nicht in der Lage, in meine Gedanken einzudringen.

Sandra stößt ein leises Seufzen aus, während sie in dem Blick des Vampirs zu ertrinken droht.

Ein kurzer Stoß mit dem Ellenbogen bringt sie zurück ins Hier und Jetzt. Sie kann sich nach Dienstschluss von einem Blutsauger bannen lassen.

Wir zücken unsere Ausweise. Eine Premiere, denn bisher zückte ich lediglich eine Waffe oder meinen Geldbeutel, wollte ich irgendwo hinein.

Ah, das UNIPIT beehrt uns mit einem Besuch.“ Die Stimme des Vampirs klingt ein bisschen ironisch. „Nun denn, genießt die Lustbarkeiten unserer kleinen Veranstaltung.“ Er reicht uns zwei VIP-Karten. Kurz streift seine Hand die meine. Ein Schauer kriecht wie zäher Honig über meine Haut, ausgelöst durch seine pure Anziehungskraft.

Kurz hebt er eine Braue, sagt aber nichts. Stattdessen wendet er sich einem Mann hinter mir in der Schlange zu.

Die Vampire dieser Welt sind sehr gut organisiert. Zudem haben sie einige sehr lukrative Geschäftsmodelle für sich entdeckt.

Die Unsterblichkeit ist eines davon.

Egal wie alt, egal wie krank – die Unsterblichkeit steht jedem offen, so lange man es sich leisten kann. Man muss nur zu einem Anbieter vampirischer Dienstleistungen gehen, einen großen Batzen Geld zahlen und sich auf ein bequemes Bett legen. Je nach Präferenz erledigt ein männlicher oder weiblicher Blutsauger den Job, man schläft friedlich ein und erwacht als unsterblicher Vampir.

Sweet Jesus – inzwischen ist daraus eine Industrie mit einem Millionenumsatz Jahr für Jahr geworden.

Doch die Umwandlung ist nur ein Zweig. Andere Vampire beschäftigen sich mit der Produktion von Kunstblut; auch ein lukratives Geschäft.

Auf der dem Kongress angeschlossenen Messe werden all die Dienstleistungen einem staunenden Publikum präsentiert. Ein paar vampirische Autoren stellen ihre Bücher aus, Geschichtsschreiber zeigen das gesammelte Wissen der Welt. Es ist schon bemerkenswert, mit einem Soldaten aus Napoleons Tross zu sprechen und sich von ihm Kriegsgeschichten erzählen zu lassen.

Sandra ist von alledem deutlich mehr fasziniert als ich. Das liegt vielleicht auch daran, dass jeder Vampir an jedem Stand seine Magie spielen lässt, um ihre Aufmerksamkeit zu erringen.

Ah“, höre ich eine Vampirin sagen, „das Alte Volk erweist uns die Ehre eines Besuchs.“

Neugierig schaue ich mich um, kann aber keine Elfen entdecken. Erst nach ein paar Sekunden wird mir klar, dass sie mich meinte.

Nur väterlicherseits“, erkläre ich darum und wende mich der Frau zu.

Die Vampirin trägt einen schwarzen Overall, der hervorragend mit ihren gleichfalls schwarzen Haaren korrespondiert. Sie mustert mich mit rot glühenden Augen, ihre Hauer ragen über die Oberlippen hinaus. Schlank, gefährlich und sinnlich steht sie für all das, was Menschen an Blutsaugern fasziniert. Zudem strahlt die Vampirin etwas Aristokratisches aus.

Völlig unpassend wirkt hingegen das Namensschild, welches sie sich auf die linke Brustseite geklebt hat. Jane O’Hara steht dort. Darunter, sehr viel kleiner: O'Hara Services.

Nur väterlicherseits?“ Sie lacht leise. „Du hast großes Glück. Weibliche Elfen, die sich mit männlichen Menschen paaren, geben ihre Magie nicht weiter. Männliche Elfen hingegen, die sich mit menschlichen Frauen einlassen … In dir schlummert die Magie des Alten Volks. Auch wenn du sie noch nicht entdeckt hast.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Zu schade, denn du wärst eine interessante Kandidatin für eine Wandlung. Aber jene vom Alten Volk können nicht gewandelt werden; es würde sie töten.“ Ihre Augen blitzen und ich weiß genau, was sie meint.

Jane schaut zu Sandra, die unserem Gespräch interessiert gelauscht hatte. „Und du? Möchtest du dem Dunklen in dir nachspüren? Dich wandeln lassen und so zu einer Tochter der Nacht werden?“

Uhm ...“, murmelt meine Partnerin. So, als würde sie dies tatsächlich in Betracht ziehen.

Nein, will sie nicht“, erwidere ich darum an ihrer Stelle und zücke zum zweiten Mal an diesem Tag meinen Dienstausweis. „Wir sind dienstlich hier.“

Ach, ihr beide gehört dem UNIPIT an? Was führt euch her? Gibt es Probleme?“

Bisher nicht“, erwidere ich gelassen. „Wir wollen nur sicherstellen, dass es auch so bleibt. Die Spinner da draußen vor der Halle wären begeistert, ginge hier ein Sprengsatz in die Luft. Für manche seid ihr das personifizierte Böse.“

Dabei haben wir weder die Flugzeuge ins World Trade Center gesteuert, noch haben wir einen Krieg begonnen mit einem Land, das angeblich Massenvernichtungswaffen besitzt. Das wahre Böse sitzt ganz wo anders.“

Ich lache bei dieser Äußerung, muss ihr aber Recht geben. Wobei ich mir ganz und gar nicht sicher bin, dass uns mit dem aktuellen Präsidenten der große Wurf gelungen ist. Wer früh wie der Messias gefeiert wird, könnte sich am Ende als Antichrist herausstellen.

Welche Services bietet dein kleines Unternehmen eigentlich an? Nur Wandlung?“

Jane schüttelt den Kopf. „Im Grunde alles, was ein Vampir zu bieten hat. Bist du auf der Suche nach Weisheit? Ich lebe seit sehr vielen Jahren und kann dich beraten.“

Ihre Finger berühren meinen Handrücken. Wieder spüre ich die vampirische Anziehungskraft. Wie ein kühler Wind weht sie über mich hinweg.

Nein, keine Weisheit. Zum einen wäre das verschwendet, zum anderen gönne ich mir hin und wieder ein chinesisches Essen. Der beigelegte Glückskeks enthält alle Weisheit, die ich benötige.“

Abermals lachen wir. Sandra hat sich inzwischen einem anderen Stand zugewandt und mustert dort neugierig die von einer vampirischen Programmierschmiede entwickelten Programme. Software für Ahnenforschung findet sich ebenso unter den Angeboten wie ein Spiel. Ich hatte den Stand zuvor bereits bemerkt, mich aber nicht weiter damit befasst. Das ist Sandras Domäne.

Trag dich hier für meinen Newsletter ein“, bittet Jane. Sie reicht mir ein Klemmbrett mit einem simplen Formular. Name, Mailadresse, Raum für Bemerkungen. „Damit ich weiß, wie ich dich erreichen kann.“

Willst du das?“

Sie schenkt mir ein kesses Lächeln. „Möchtest du es nicht? Und lüg mich nicht an – Vampire spüren, wenn man sie belügt.“

Ohne etwas zu erwidern trage ich meine private Mailadresse ein. Dabei schenke ich ihr einen wie ich glaube schmutzigen Blick. Sie nimmt das Klemmbrett entgegen, Sandra ruft mir etwas zu – dann versinkt die Halle im puren Chaos.

Im ersten Moment weiß niemand, was zum Geier passiert ist. In greller Blitz blendete uns, ein Beben lief durch den Boden. Sekunden später Geschrei, Panik, Todesangst.

Zu meinem eigenen Erstaunen sind meine Augen durch die enorme Helligkeit nicht beeinträchtigt.

Alice?“, höre ich meine Partnerin rufen. Sie kauert auf dem Boden, kommt aber in die Höhe. „Was war das?“

Eine Explosion.“

So, als würden nun all die anderen Besucher und Aussteller begreifen, setzt Panik ein. Jene, die noch etwas sehen können, eilen zu den nächstgelegenen Ausgängen. Die anderen bleiben vor Ort, legen sich flach auf den Boden und warten ab.

Auch Jane wimmert. Sie kauert unter ihrem Stand, die Hände auf die Augen gepresst. Blutsauger haben deutlich empfindlichere Pupillen. An Sommertagen sieht man sie nie ohne Sonnenbrille. Für sie muss der Blitz verheerend gewesen sein.

Genau das wollten die Wichser.

Plötzlich dröhnt ein lautes Heulen durch die Hallen. So schrill, dass ich meine Hände auf die Ohren presse. Meine Zähne vibrieren, mein Innerstes scheint in Schwingungen zu geraten.

Die Vampire um mich herum rollen sich zusammen; wie Föten im Mutterleib. Erst das Licht, nun die Geräusche. Unnütz zu sagen, dass ihre Ohren genau so empfindlich sind wie ihre Augen. Sie hören besser, sehen besser, riechen besser.

Wenn die Wichser jetzt noch Stinkbomben werfen, sind die Vampire im Arsch.

Wer fliehen konnte, ist inzwischen geflohen. Wer nun noch in der Halle kauert, ist entweder ein Mensch mit sehr empfindlichen Augen oder eben ein Blutsauger.

Das scheinen auch die Attentäter zu wissen, denn plötzlich werden die großen Türen der Halle geschlossen.

Dann fallen die ersten Schüsse.

Wir müssen den Ton abstellen und die Türen öffnen“, brülle ich Sandra zu.

Diese nickt – und geht zu meinem Erstaunen unter dem Stand der Software-Vampire in Deckung.

Scheiße.

Mehrere Kugeln schlagen in meiner unmittelbaren Nähe ein. Wütend werfe ich mich zu Boden, rolle herum und schaue hinauf zu der breiten Galerie, die in mehreren Metern Höhe rund um die Halle verläuft.

Dort stehen die Schützen und feuern. Manche halten Pistolen in Händen, andere Schnellfeuergewehre.

Manche sterben auch, als ich abdrücke.

Sandra? Sandra, was zur Hölle tust du?“, rufe ich meiner Kollegin zu. Hin und wieder wackelt der Stoff, mit dem der Stand der Software-Vampire bespannt ist und der bis zum Boden reicht.

Eine Antwort erhalte ich nicht.

Noch immer feuern die Angreifer. Sie haben mich als Bedrohung ausgemacht, entsprechend bleihaltig wird die Luft um mich herum. Wie ein Baby robbe ich über den Hallenboden, dabei wieder und wieder auf meine Gegner feuernd. Im Jemen hatte ich dies machen müssen; damals kamen die Feinde mit Hubschraubern. Das hatte den Vorteil, dass mich der durch die Rotoren aufgewirbelte Staub verdeckte.

Es hatte den Nachteil, dass ich meine Gegner nicht sah.

Hier sehen wir einander.

Sandra!“, schreie ich in einer kurzen Feuerpause. So, als hätten wir alle unsere Munition gleichzeitig verschossen, schweigen die Waffen für einen Moment.

Es dauert ein, zwei Sekunden bis mir klar wird, wie still es plötzlich ist. Kein Gekreische mehr, keine lausigen Töne, die meine Zähne vibrieren lassen.

Nichts als … Stille.

Was ...“ Noch während wir uns alle umschauen, werden die Türen aufgestoßen und Cops ergießen sich in die Halle. Sie schwärmen aus, zielen auf die Schützen hoch oben.

Diese werfen ihre Waffen weg. Mir ist nicht klar, warum sie sich so rasch ergeben. Rechnen sie sich keine Chancen aus, gegen die Beamten des NYPD zu bestehen? Oder wollen sie keine Menschen töten?

Es ist das eine, auf Vampire zu feuern und etwas ganz anderes, Menschen zu erschießen.

Sandra kommt unter dem Tisch hervor, in der Hand ein kleines Notebook. Sie schenkt mir ein zufriedenes Lächeln.

Du warst das?“, damit deute ich auf die Türen.

Natürlich. Denkst du, die Soundanlage und der Schließmechanismus solch einer Halle werden noch per Hand bedient? Ich konnte den technischen Zentralcomputer hacken und tun, um was du mich gebeten hast.“

Ich bin amtlich beeindruckt, lasse es sie aber nicht sofort wissen, da Jane O'Hara ein leises Wimmern ausstößt.

Rasch kauere ich neben ihr nieder und lege meine Hand auf ihre Schulter.

Meine Augen“, keucht sie. „Und meine Ohren. Es tut so verdammt weh.“

Rettungswagen sind unterwegs“, lässt mich Sandra wissen. „Ich habe einen Notruf abgesetzt, nachdem die Türen offen standen. Sie kümmern sich um die Vampire.“

Geh zu den Cops und zeig denen deinen Ausweis. Ich will wissen, was das für eine Scheiße war.“

Sie nickt und kommt meiner Aufforderung nach, während ich bei Jane bleibe. Ihr scheint meine Nähe gut zu tun, denn sie greift nach meiner Hand und drückt sie. Ihre Kraft ist kaum noch wahrnehmbar, nimmt aber zu mit jeder Sekunde, die sie sich an mich klammert.

Dafür scheint meine eigene Energie zu schwinden. Oder ist das nur die Ruhe nach dem Sturm, der Stress, der nun abflaut?


- V -

Sie nennen sich selbst Jünger der reinen Menschheit. Fanatiker, die sich die Vernichtung aller paranormalen Lebewesen auf die Fahne geschrieben haben. Mit dem Massaker wollten sie ein Zeichen setzen.“

Idioten“, gebe ich matt zurück. In meiner Wohnung ist es düster, einzig zwei hohe Kerzen brennen und spenden etwas Licht. Selbst die Vorhänge sind zugezogen, der Flat-TV abgeschaltet. Aus den Boxen der Stereoanlage dringt leise Musik; Klassik, einer der großen Komponisten. „Wir befassen uns morgen mit diesen Spinnern. Oder handelt es sich um eine lokale Sekte?“

Sie sind in New York City und Los Angeles aktiv; wir haben den Fall an das FBI abgegeben. Deren Preternatural Division wird sich der Sache annehmen. Wir haben unseren Job erledigt, der Boss ist zufrieden.“

Dann sehen wir uns morgen.“ Ich beende das Telefonat, greife nach einem Glas Met und gehe ins Schlafzimmer.

Das ist der Unterschied. Töte Leute, und sie wollen dich exekutieren. Lass dir eine Marke geben und töte dann Leute, schon applaudieren sie dir. Was für ein beschissenes System.

Nur mit einem Slip bekleidet sinke ich auf das weiche Bett, schließe die Augen und nippe an meinem Drink.

Dieser erste Fall, so fulminant er auch verlief, war nur ein Prolog. Ein Auftakt, dem weitere, schwerere Fälle folgen werden. Hier, in den Vereinigten Staaten, und auch in anderen Ländern auf anderen Kontinenten.

Das wird mir klar, während ein kühler Hauch über meine Haut streicht. Die Klimaanlage ist in Betrieb und hält die Temperatur konstant.

Nur ein Prolog. Sweet Jesus, ich möchte gar nicht wissen, was im ersten Kapitel geschieht.


Ende


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