Goldener Schnitt © 2011 by Christian Weber
Covergestaltung: Gerhard Gruber
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Die Handlung und die handelnden Personen dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.
Goldener Schnitt
von Christian Weber
"Ein Bild muss mit demselben Gefühl gemacht werden, mit dem ein Verbrecher seine Tat ausführt."
Edgar Degas
„Gewinner machen die Regeln und die Verlierer, die müssen sich danach richten!“
Into the Blue
Eine schwatzhafte Bekannte hat mir einmal einen interessanten Gedanken eingepflanzt. Sie behauptete, dass fast jeder Mensch auf der Welt eine innere Stimme hätte, einen sogenannten Captain Subtil. Und der würde sich immer dann zu Wort melden, wenn man im Begriff sei eine Grenze zu überschreiten. Eine Dummheit zu machen. Oder wenn jemand etwas sage, was er oder sie gar nicht so meine. Oder etwas denke, was er oder sie nicht zu sagen wage. In solch einer Situation gäbe dir Subtil das Signal vorsichtig zu sein. Sozial konformes Verhalten an den Tag zu legen. Cool zu bleiben. Die richtige Entscheidung zu treffen. Sie führte weiterhin aus, dass ich keinen Captain Subtil an meiner Seite hätte. Deswegen würde ich mit niemandem klarkommen und nirgendwo reinpassen. Diese Aussage brachte mich zum Nachdenken. Als wir uns das nächste Mal sahen, sagte ich sinngemäß folgendes zu ihr: Fast jeder einen Captain Subtil. So auch ich. Ein enger Vertrauter meines inneren Schweinehundes. Ich halte sie sogar für Cousins. Beides garstige Muskelprotze, ein furchtbares Duo. Aber irgendwann hatte ich genug gehabt. Ich hatte mich an meinen Captain herangeschlichen und ihm mit dem Knüppel dreckig eins übergezogen. Als er dann aber so wehrlos vor mir lag, wimmernd, in einer sich langsam ausbreitenden Blutlache, hatte ich innegehalten, den Bastard in den Keller meines Unterbewusstseins geschleppt und dort in Ketten gelegt. Da vegetiert er nun vor sich hin. Ein Schatten, eine leichte Brise, ein Flüstern in meinem Kopf. Es ist in unserer aufgedrehten Welt schwierig geworden, fremde Stimmen von der eigenen zu unterscheiden, aber ich weiß dass er leidet. So wie ich leide. Während seine unzähligen Kollegen um uns herum labern und lachen, lästern und bedeutungsvoll schweigen, buckeln, treten, spielen, Anweisungen geben - ist er zur totalen Untätigkeit verdammt. Dabei ist es heutzutage doch enorm wichtig, sich immer und überall gut zu verkaufen. So wie die Nutten vor dem Busbahnhof. Warum ich ihn schonte? Sagen wir es mal so: Vielleicht brauche ich ihn irgendwann noch mal. Aber da wo ich gerade bin, lebt sich nun mal besser ohne ihn. Sein haariger Cousin war freilich wenig erfreut über meinen plötzlichen Sinneswandel. Es machte ihm zwar einerseits den Weg für viele hässliche Abenteuer frei, andererseits mochte er es nicht, dass ich anfing nachzudenken und meine inneren Fesseln zu lösen. Er schickte mich in der Folgezeit also fortwährend hart zu Boden. Trotz mehrerer halbherziger Anläufe, versagte ich bei jedem neuen Versuch, ihn auch noch aus dem Weg zu räumen. Und so stellt sich mein Leben momentan auch dar. Abgekifft. Ein echter Verlierer. Andererseits: Die Gesamtsituation mag wenig befriedigend sein, aber wenigstens habe ich noch ein paar Asse im Ärmel. Ich bin nämlich relativ schlau - und trotz meines ruinösen Lebenswandels auch noch halbwegs gesund.
Eine Frage die ich mir in jüngster Zeit oft gestellt habe, ist folgende: Wo ist der Unterschied zwischen einem Leben in Knechtschaft und mehr Geld und Freiheit, als du wirklich jemals brauchen wirst? Und die Antwort darauf habe ich auch gefunden: Letztlich ist es nur die Entscheidung, sich an die dir von anderen auferlegte Moral zu binden - oder eben nicht. Ich rede von dem fremden Gebilde, dem Gefängnis in deinem Kopf. Ich bin zu stolz zum Betteln und scheine zu dumm zum Stehlen zu sein. Hätte ich einen intakten familiären Background gehabt, eine liebevolle Paarbeziehung, Geldreserven, eine Erbschaft in Aussicht, ein verdammtes Haustier - wer weiß? Wahrscheinlich hätte ich Florian Wolf zum Teufel gejagt. So stehe ich jetzt aber mitten in der Nacht hier, am Gardasee. Es kommt mir so vor, als hätte das Leben in der großen Stadt meine Seele mit Metastasen überwuchert, die nun nach und nach von mir abfallen. Wie ein altes Federkleid. Wie welkes Laub. Wegen der ganzen Arschlöcher habe ich vergessen, wie schön und einfach das Leben sein kann. Es erscheint mir wie Wahnsinn, dieses wiedergefundene Glück nun sofort wieder zu riskieren. Ich könnte Wolf sagen, er solle sich verpissen. Die Gegend durchstreifen, wie ein Sommerkind, die Ruinen der römischen Befestigungsanlagen aufsuchen, die grün überwachsenen Kriegstrassen und Bunker aus dem ersten Weltkrieg, die vielen lieblichen Buchten. Ich könnte in sauberen und fischreichen Wasser schwimmen, windsurfen oder angeln. Oder mich am Strand sonnen, für den Mittag ist schließlich wieder Gluthitze angesagt. Obwohl uns über fünfzig Jahre sowie Leben und Tod trennen, kann ich den bösen alten Mann in diesem Moment sehr gut verstehen. Aber es ist nie so einfach. Zumindest nicht bei mir. Ohne Geld kann ich an einem solchen Ort unmöglich länger verweilen und schon allein die Vorstellung unverrichteter Dinge wieder abzuziehen, mein altes Leben in Hamburg wieder aufzunehmen, dreht mir den Magen um. Neongraues Unleben. Ich habe nie dazugehört, selbst als ich ein Teil davon war. Das hier ist so viel besser. Florian fährt sich durch sein raspelkurzes Haar, verlagert das Gewicht von einen Fuß auf den anderen, das billige Nachtsichtgerät verdeckt sein halbes Gesicht. Die untere Hälfte wird von dem für ihn so typischen sichelförmigen Grinsen dominiert. Er leert seine letzte Dose Red Bull in einem Zug, zerknüllt sie und wirft sie ins Wasser. Fünfhundert Millionen Euro. Ich habe es längst aufgegeben, diese $umme rational erfassen zu wollen. Selbst mein läppischer Anteil sprengt schon fast meine Vorstellungskraft. So viel Geld. So viel Leben. So viele Träume, die verwirklicht werden wollen. Momentan habe ich im Monat knapp siebenhundert Euro zur Verfügung. Eine Ameise unter vielen. Das widert mich an.
"Bist du fertig?" fragt er.
"Schon." antworte ich.
Die Nacht ist da.
Die Nacht, die alles verändern kann.
Okay.
Das ist jetzt alles ein wenig schwer zu verstehen. Springen wir lieber noch mal zurück zum ersten Kapitel. Aber das wird im Schnelldurchlauf abgespielt, denn dieser Teil deprimiert mich. Also: Ich bin so stoned, dass ich schon fast wieder nüchtern bin. In der Wohnung über mir geht ein erbärmliches Ehedrama lautstark in die nächste Runde. Leute brüllen, die so dumm sind, dass sie schon im nüchternen Zustand lallend reden. Dazu schreit das Baby der beiden Kreaturen fast ununterbrochen, wie ein kleiner Backgroundsänger, und die Wände sind leider ebenso dünn wie mein Nervenkostüm. Ich drehe den Fernseher lauter. Wir reden hier übrigens von Horn, einem recht langweiligen Hamburger Stadtteil, ziemlich grün, nicht sehr reich. Eine Durchmischung vieler Kulturen, um es mal positiv zu formulieren. Hier bin ich aufgewachsen, zwischen Moor, Tankstelle, Jugendclub, Handballverein, Schule und Supermarkt. Diejenigen die sich in Horn verwurzelt fühlen, sind der Meinung das Image des Viertels bedarf einer dringenden Korrektur. Sie veranstalten Stadtteilfeste, Flohmärkte, Vereinsabende und so einen Dreck. Mein bester Freund heißt Alex, ist Weißrusse und Dealer. Ich hasse ihn, aber wir kommen klar. Draußen vor der Tür parken jede Menge Mittelklassewagen, hin und wieder auch ein BMW oder ein Mercedes. Ich kann das nicht verstehen. Hätte ich genug Geld um mir so eine Bonzenkutsche zu kaufen, würde ich auf der Stelle umziehen. Vor einer Woche ist ein kleiner Junge im Horner Moor ertrunken, einer sumpfigen Landschaft, die sich parallel zu der Siedlung über mehrere Kilometer Park- und Brachland hinzieht. Passanten haben noch versucht ihn zu reanimieren, aber da war es schon zu spät. Früher habe ich dort auch oft gespielt. Auf dem zerkratzten Glastisch vor mir thront eine Bong, daneben liegen loser Tabak und zwei Tüten Gras. Im Fernsehen läuft eine Casting-Show, auf dem mit Brandlöchern übersäten Teppich zu meinen Füßen stapeln sich Pizzaschachteln, Flyer für Partys die ich nie besuchen werde, dreckige Arbeitsschuhe, Klamotten in verschiedenen Stadien der Verschmutzung, sowie zahlreiche Mahnungen von Inkassounternehmen und Rechtsanwaltskanzleien aus ganz Deutschland. Ich bin träge, habe mich den ganzen Tag kaum bewegt. Müsste wirklich etwas tun. Aber wo anfangen? Als es an der Tür klingelt, zucke ich zusammen. Mit unangemeldetem Besuch verbinde ich nichts Gutes mehr. Trotz der Fischaugenoptik und der schummrigen Flurbeleuchtung erkenne ich die schlanke Gestalt sofort wieder, als ich durch den Türspion blicke. Er klingelt ein weiteres Mal. Nach kurzem Zögern mache ich auf. Florian Wolf grinst mich an. Die Unterschiede zu früher sind marginal. Ein, zwei Fältchen mehr um die Augen, ein paar Kilo mehr auf den Rippen. Er bevorzugt immer noch diesen lästigen Urban-Dandy-Style: Kurze Haare, Jeansjacke und dünnes Silberkettchen, Schiebermütze schräg auf dem Kopf, Converse-Treter, Sonnenblumenkerne, die er direkt aus der Tüte frisst. Wenigstens sind seine albernen Piercings verschwunden.
„Moin Carsten!" sagt er.
"Qué tal? Deine Augen sind roter als der Schwanz vom Teufel!"
Ich versuche mit vorzustellen, was er sieht: Bin fetter als früher, blasser, dazu ein ungepflegter Drei-Wochen-Bart und gelbe Raucherzähne. Mein vom vielen Waschen ausgebleichtes Shirt für den Hausgebrauch nicht zu vergessen. "Ich bin ein Gourmeggle!" steht drauf. Habe ich mal gewonnen. Ist cool.
"Wieder im Lande?" entgegne ich. Er schenkt mir ein bezauberndes Sichelgrinsen, von einem Ohr zum anderen. Ein kräftiger Handschlag und eine klopflastige Umarmung brechen das Eis der Jahre ein wenig an. Er ist immer noch knochig. Angesichts des Zustands meines Wohnzimmers erübrigt sich die Frage, ob er die Schuhe ausziehen oder anlassen soll.
"Der Bohlen und seine Sprüche." meint er mit einem beiläufigen Blick auf den laufenden Fernseher. Ich setze mich auf die Couch und schalte um. Eine amerikanische Krimiserie. Zwei Ermittler unterhalten sich:
"Der Fallschirmspringer ist irgendwie in die Turbine des Flugzeugs geraten. Seine Überreste wurden über das ganze Einkaufszentrum verstreut. Und das an Thanksgiving."
"Tja, Ted, alles Gute kommt von oben..."
Ich schalte aus. Die nachfolgende Stille ist ohrenbetäubend.
"Erzähl mal..." sage ich, nachdem er sich ebenfalls gesetzt hat.
"...was führt dich hierher?"
Er fischt sich eine Marlboro aus der Packung und zündet sie mit einem vergoldeten Sturmfeuerzeug an.
"Wollte wissen, wie es dir geht." sagt er. Ich grunze und wische mir eine imaginäre Staubfluse von der Schulter.
"Ich dachte wir haben noch Streit." antworte ich.
"Wegen?"
"Sheela?"
"Ach was. Vergiss es doch endlich! Das war nichts!"
Nichts? Alles ist relativ. Damals hätte ich ihn fast erwürgt. Es hatte drei Leute gebraucht, um mich von ihm runterzuzerren. Das war mehr als nur ein kleines bisschen Kino gewesen.
"Seid ihr noch zusammen?" frage ich.
Er schüttelt den Kopf.
"Hat nur kurz gehalten. Kaum drehst du dich um, bumst sie die halbe Nachbarschaft. Liegt wohl an ihren Genen. Kennst du ihre Familie?"
"Klar. Ohne Worte. Aber ich dachte damals..."
"Schlampen-DNA!" beendet er das Thema. Bläst einen dicken Rauchring, der langsam und mit erhabener Eleganz gen Decke wabert. Ich hole Gläser, schenke uns Wodka und O-Saft ein. Wir kommen ins Plaudern, reden erst mal über gemeinsame Bekannte, eine längere Liste, und gehen dann dazu über den Wodka pur zu trinken.
"Und Gani?" fragt er.
"Knast." antworte ich.
"Warum?"
"Schwere Körperverletzung. Fast zwei Jahre."
"Hast ihn mal besucht?"
"Ach was. Ich hass den."
"Hm. Mike?"
"Lebt auch noch. Illegale Autowerkstatt und Sozialamt. Kommt ganz gut über die Runden."
"Hm. Fuchs?"
"Jonny Fuuuuuchs?"
Wir grinsen. Da kommen Erinnerungen hoch.
"Weiß nicht. Hab gehört er hat geheiratet. Ist weggezogen."
Florian zeigt sich interessiert.
"Wer hat sich seiner erbarmt? Meli?"
"Nein. Angeblich so eine Doppelnamentussi. Kennst du nicht. Meli ist in der Klapse."
"Was macht sie da?"
"Dildospiele. Sich ritzen. Keine Ahnung."
"Ist dir auch egal, was?"
"Schon."
„Mit Verena habe ich vor `ner Weile mal telefoniert. Die sagt,
du wärst ja ziemlich abgestürzt und in der Szene unterwegs und nimmst jetzt auch harte Drogen und so. Crystal.“
„Ich hab' schon Dinge über mich gehört, die wusste ich selbst noch nicht.“ sage ich.
„Und du weißt ja: Alle die hinter meinem Rücken reden, reden mit meinem Arsch!“
Wir labern ein Gas, dabei sind wir noch nicht mal richtig zu. Willkommen in meiner alten Welt. Ich hole noch ein paar Biere aus dem Kühlschrank. Das ist das Tolle an Leuten mit denen du aufgewachsen bist: Egal wie deprimiert, einsam, unglücklich und pleite du bist, zusammen findet ihr garantiert jemanden, dem es noch viel schlechter geht. Und dann wird abgelästert, was das Zeug hält. Vielleicht sollte ich einen Beruf draus machen. Florian hat inzwischen meine Zeitschriftensammlung entdeckt: Playboy, Coupe, Welt der Wunder („10 Methoden mit denen Illuminaten die Psyche ihrer Gegner für immer brechen!“) und das L-Mag. Er zieht eine Augenbraue hoch.
„Das Magazin für Lesben?“ fragt er gedehnt.
„Ach, das habe ich im Bus gefunden. Dachte das wäre beim Kiffen wäre `ne ganz interessante Lektüre.“
„Sind da Nacktbilder drin?“
„Nein. Nur eine Fotostrecke mit Fußballerinnen. Es geht mehr so um lesbische Erlebniswelten.“
Er blättert ein wenig in dem Heft herum und legt es beiseite.
"Hier hat sich wenig verändert." sagt er.
„Bei mir?“
„Überhaupt.“
Da muss ich widersprechen.
"Der Aldi ist weg. Dafür haben wir jetzt einen Lidl."
"Hm."
"Und einen McGeiz. Und bald ‘nen` Schlecker."
„Ach was. Komisch, dass es den kleinen Fidschiladen noch gibt. Immer noch die 21?"
"Ja logisch, aber der Alte hatte einen Herzinfarkt oder so was. Seine Tochter hat das Geschäft übernommen."
"Die Geile?"
"Nein, die Hässliche. Die Geile ist weg."
"Echt? Zurück nach China?"
"Keinen Plan. Geh doch fragen."
Er seufzt. Findet noch einen Sonnenblumenkern in seiner Jackentasche. Knibbelt mit spitzen Fingern daran herum.
"Ich war früher so scharf auf die." sagt er verträumt.
"Waren wir alle." sage ich.
"Weißt du an wen die mich immer erinnert hat?"
"An Chun Li aus Streetfighter. Das hast du mir schon tausendmal erzählt."
Mir fällt nichts mehr zu sagen ein. Florian drückt seine siebte oder achte Zigarette im überquellenden Aschenbecher aus und zieht die Nase hoch. Streetfighter, für alle die das nicht wissen (vielleicht weil sie die letzten zwanzig Jahre in einer vernagelten Kiste in Kambodscha verbracht haben), ist eine sehr populäre Videospielreihe. Grob gepixelte Kämpfer aus aller Welt treffen aufeinander, um sich gegenseitig endlich mal richtig die Fresse zu polieren. Seine Favoriten waren damals stets Blanka, die grüne Urwaldbestie aus Brasilien und Chun Li, ein total süße und in den hehren Kampfkünsten bewanderte Grazie, welche auf perfekte Art und Weise chinesische Tradition mit westlichen Schönheitsidealen kombinierte. Die Taktik war bei beiden Figuren dieselbe: Hüpfen, hüpfen, hüpfen, den Gegner in die Ecke drängen und ihn dann mit wilden Buttongehämmere den Rest geben. Ich persönlich habe bei Streetfighter immer Ryu bevorzugt. Klassischer Allrounder, starke Spezialattacken, einfache Kombos. Die neuen Versionen des Spiels gefallen mir nicht mehr. Da kannst du den Kampf über die volle Distanz dominieren, und auf einmal packt deine Gegner irgendeine Megakomboserie aus, weil sich durch die vielen Treffer irgend so ein beschissener Superbalken aufgeladen hat.
"Immer noch Paulianer?" fragt er.
"Klar."
"Wann warst du das letzte Mal im Stadion?"
"Gegen Bayern."
Flo nickt, dabei sagt ihm das gar nix. Er hat sich nie viel aus Fußball gemacht. Ich hätte genauso gut Regensburg, Uerdingen oder Lok Leipzig sagen können. Einer seiner angenehmen Wesenszüge ist, dass er normalerweise nicht versucht, sein Desinteresse an populären Themen durch Standardfloskeln zu kaschieren. Die Wahrheit ist allerdings auch, dass mein eigenes Interesse daran, mit grölenden Proleten, Versagern und Idioten in der Südkurve zu stehen, inzwischen gegen Null tendiert.
"Wo wohnst du jetzt eigentlich?" will ich wissen.
"Berlin." antwortet er übertrieben lässig und ich horche auf. Im Gegensatz zu ihm, weiß ich eine gute Standardfloskel nämlich durchaus zu schätzen.
"Das ist ja mal cool! Berlin-City!"
"Schon."
"Und wie ist es da so?"
"Ziemlich lau. Arm und dreckig. Viele Kanaken. Und der gemeine Berliner redet sehr viel."
"Die halten sich doch eh alle für die Größten."
"Hm. Schlimmer als hier."
Ich räuspere mich. Will was Gutes hören.
„ Gehst du in Clubs, machst wohl heftig viel Party und so?"
"Ab und zu."
"Wo?"
"Da gibt es einen Laden der heißt Matrix. Oder im Roten Salon. Im Silverwings. WMF. Viel im Prenzlberg und so."
"Auch im Tresor?"
"Gibt`s den überhaupt noch?"
"Keine Ahnung."
"Nee, im Tresor war ich noch nicht. Aber das wird ja alles von Jahr zu Jahr kommerzieller, das ganze Nightlife und so. Das war früher noch anders. Die wo da wohnen, sagen alle, ich wäre drei oder vier Jahre zu spät dran."
Wir sitzen eine Runde schweigend herum, ich stiere in mein halbleeres Glas. Meine Gedanken sind Lichtjahre entfernt.
Florian spricht:
"Dir geht es ziemlich schlecht."
Knallharte Gerade, was soll ich darauf bitteschön erwidern, ohne das es wie eine billige Ausrede klingt? Also zucke ich mit den Schultern, das kommt immer gut.
"Ging mir auch schon besser." sagt er und steht auf. Betrachtet interessiert mein Wandregal von Ikea. Zieht hier und da ein Buch oder eine DVD heraus, um einen Blick auf die Cover zu werfen.
"Was ist mit deinem Fantasyroman? Schon was geschrieben?"
"Ach..." sage ich und stopfe mir ein dickes Köpfchen. Als nächstes fallen ihm meine alten Drumsticks in die Hände.
"Und was machen die Taco Skids so?"
"Spielen ohne mich weiter. Das war voll übel. Jessi hat mir..."
"Hast du eine andere Band?"
"Momentan nicht."
Er nickt abwesend und schaut sich eine meiner Actionfiguren aus Hartplastik genauer an. Ein cooler Weltraumtyp, der sich mit wenigen Handgriffen in eine Art überdimensionale Cyber-Fangheuschrecke verwandeln lässt. Das Feuerzeug zündet, das Köpfchen glüht schwarz-orange, blubbernd steigt die in dem schmalen Glasgefäß eingeschlossene Rauchsäule langsam in die Höhe. Schweißperlen auf meiner Stirn. Ich öffne das Kickloch.
Ziehe hoch. Inhaliere tief und tiefer, der Flash trifft mich wie ein brennender Vorschlaghammer. Als ich wieder da bin, sehe ich, dass Florian meinen Lieblingsbildband in den Händen hält: Hawaii - alle großen Inseln. Hochglänzende Seiten, zahlreiche spektakuläre 3D-Bilder, Brille liegt bei. Neununddreißigneunzig bei Kaufhof, eine verdammt gute Investition. Ich brauche irgendwann aber auch noch eine CD mit Meeresrauschen und Delfingeschnattere. Er blättert ein wenig in dem Buch herum und stellt es dann vorsichtig wieder an seinen Platz, der gute Mann ist sichtlich angespannt. Ich huste und spucke Rauch wie ein Drache. Schaue ihn mit trüben Augen an. In seinen seltenen nachdenklichen Momenten hat er was von einem mittelalterlichen Buchhalter oder einem christlichen Geheimbündler. Einem Winkeladvokaten im Auftrag des Vatikans. Einem wieselflinken Typen, der zusammen mit anderen in dunkle Kutten gehüllten Verschwörern, im flackernden Schein zahlreicher Fackeln durch die Untergeschosse altehrwürdiger Hallen der Macht schleicht,
um Prozesse in die Wege zu leiten, welche die Welt an der Oberfläche dereinst mächtig erschüttern werden. Vielleicht ist er zu spät geboren, in einer zu modernen Welt. Eventuell bin ich aber auch nur heftig zugeballert. Er dreht sich mit verschränkten Armen wieder zu mir um, sein früheres Pausenhof-Ich scheint in diesem Moment ganz stark durch.
Glotzt mich an wie ein wachsames Reptil, schiebt einen Mundwinkel ganz leicht nach oben. Nur ganz leicht.
"Was denn?" erkundige ich mich mit belegter Stimme.
„Du brauchst dringend einen Neuanfang!“ sagt er.
„Vielen Dank, du Wichser!“
Er zwinkert mir zu und setzt sich wieder. Faltet die feingliedrigen Hände auf den Knien. Schaut mich weiter durchdringend an. Junge, da fehlt echt nur noch der Trommelwirbel! Er sagt:
"Tut mir Leid, Mann! Aber du solltest wissen, dass ich nicht ohne Grund hier reingeplatzt bin!“
„Ach nein?“ erwidere ich.
„Tatsächlich will ich dir ein Angebot machen.“
„Ein Angebot?“
„Ja. Ich will dir einen Deal anbieten. Möchtest du innerhalb von kürzester Zeit unglaublich viel Geld verdienen?"
Ich starre ihn an. Seine Miene bleibt ausdruckslos. Meine auch. Bis ich anfange breit vor mich hin zu grinsen.
"Klar, Digger!" sage ich und rülpse.
"Ernsthaft."
"Wie viel unglaublich viel?"
"Drei Millionen Euro in bar."
Mein aufkeimendes Lachen erstirbt, als er mich weiterhin unbewegt anstarrt. Florian macht nur ganz selten Witze. Und wenn, dann ist es eine andere Art von Humor, meistens so hintersinniges, subtiles Zeug. Er lehnt sich zurück und beobachtet meine weitere Reaktion.
"Bist du passiv high, oder was?" erkundige ich mich.
"Im Ernst. Drei Millionen Euro bis zum Ende der Woche."
Okay. Wir frieren die Szene hier mal ein. Die imaginäre Kamera dreht sich um uns herum. Ich glotz ihn an, wie das Schwein das Uhrwerk. Die Bong halte ich fest umklammert. Er sitzt leicht vornüber gebeugt, seine Schuhspitzen berühren den Boden, die Fersen nicht. Draußen lärmen besoffene Jugendliche auf der Straße rum. Das Licht ist gedimmt, deswegen sieht meine Bude eher geheimnisvoll und weniger ärmlich aus. Nur morgens und um die Mittagszeit ist es brutal. Drei Millionen Euro, das ist die Scheiße, die man ständig im Fernsehen hört oder in Magazinen liest. Hollywood. Vorstandsgehalt. Lotto-Jackpot. Aber das sind deren $ummen, nicht unsere Summen. In der Drecksdronenwelt von Aschersleben bis Zwickau, von Argentinien bis Zypern, von Aggro bis Zickenkrieg, bist du mit drei- oder viertausend Euro im Monat schon eine Respektperson. Wenn du überhaupt so weit kommst. Denn du musst auch noch Glück haben, Konkurrenten aus dem Weg räumen, Netzwerke bauen und räudige Kompromisse mit sturzgewöhnlichen und bösartigen Rädchen im großen Machtgetriebe eingehen. Deine Belohnung für all die Verrenkungen: Fluffiger Oberflächenglanz und in enge Zeitfenster gepresste Dekadenz. Eine Mischung aus dauerndem Wettschleimen, pausenloser Bespaßung, Angstmacherei, Pseudotoleranz, Jugend trainiert für Olympia und Falklandkrieg. Ein Leben inmitten eines ewigen bipolar geprägten Dauerhypes. Aber selbst wenn du es schaffst: Die Chancen stehen gut, dass du dann doch nur zum seelenlosen, oberneurotischen Trend-Müllhaufen mutierst. Moralisch gebrochen, bewandert darin, dir die eigene Kastration im Chor der Macht- und Mitleidlosen auch noch schönzusingen und dich von den Massenmedien dummstrahlen zu lassen. Deine Ehen und Beziehungen scheitern und der Teufel soll dich holen wenn du wüsstest warum. Dein Haupthaar wird dünner, dein sogenannter Freundeskreis zieht dich runter, die Krankheiten werden chronisch, die Macken entwickeln sich zu dauernden Verhaltensstörungen. Zwei- oder dreimal im Jahr gibst du verkrampfte Partys, stellst von Joggen auf Schwimmen um, wachst auf, hast fünf Katzen, drei Zimmer voller Bücher und ein behandlungsbedürftiges Burnout-Syndrom. Armes Leistungsgesellschaftsopfer. Grab dich bitte in deinem
"Kiez" ein, diesem modernen Eingeborenendorf, wo zwischenmenschliche Wärme noch authentisch und in ansprechender Art und Weise simuliert wird. Lies jeden Morgen dieselbe Zeitung, weil sie genau deine eigene beschränkte Meinung widerspiegelt. Freunde dich mit den Freunden deiner Freunde an – mit Arschlöchern, über die ihr euch früher lustig gemacht habt, die aufgrund ihrer Arschlochhaftigkeit in dieser unserer Gesellschaft aber sehr gut funktionieren. Buche Pauschalreisen und Volkshochschulkurse, um Leute deines Alters kennenzulernen, die auch auf der Suche sind. Kauf dir ein schickes Auto auf Raten, suche dir ein interessantes Hobby, sauf, schmeiß Pillen, fick sinnlos in der Gegend rum, tu so, als ob das die gute Zeit zurückbringt. Die verlorengegangene Unschuld. Den Willen zum echten Leben. How can you stay faithful in a room full of hoes? Das falsche Lächeln kriegst du kaum noch aus dem Gesicht, genauso wenig wie die anderen Hologramme. Von der Mafia, die sich deine Familie nennt, mal ganz zu schweigen. Gute Nachricht: Irgendwann ziehen oder sterben die alle weg! :-) Du robotest solange weiter, in der Firma, im Betrieb, alles Routine. Überraschungsfaktor: Null. Und so weiter. Ich persönlich würde mir lieber die Pulsadern aufschlitzen, als jemals so zu leben. Die meisten Kinder reicher oder wohlhabender Eltern die ich kenne, machen sich nur wenig aus materiellen Dingen, haben aber dafür mächtig einen an der Waffel. Sie suchen Individualität und Selbstverwirklichung. Nun, über so was kann man natürlich streiten. Meine Theorie: Die wollen nur das Image von Freiheit, eine Ahnung von Freiheit, einen frischen Windstoß, der durch ihren goldenen Käfig weht. Aber in Wahrheit hassen sie den Sturm. Weil sie ihn nicht ertragen können. Lieben das Flüstern des Windes, hassen aber den Sturm.
Okay. Ich weiß das klingt jetzt wie der wirre Abschiedsbrief eines geisteskranken Amokläufers. Aber mein persönlicher Standpunkt (basierend auf all dem, was ich in siebenundzwanzig Jahren auf diesem Planeten gelernt habe) ist nun mal einfach folgender: Drei Millionen Euro verändern alles. Für immer. Aber drei Millionen kriegt man nicht einfach so. Also ist meine nächste Frage auch rein rhetorisch. Ich brauche sie, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen:
"Ist das was Illegales?" Florian zieht eine Augenbraue hoch, dann greift er nach seiner Zigarettenpackung, Marlboro, irgend so eine superexklusive Sondermischung. Eine ist noch drin. Er zwirbelt sie in seiner Hand herum und entzündet sie dann übertrieben sorgfältig. Schaut mich dabei grinsend an. "Das ist sogar was hochgradig Illegales." sagt er.
Auf mein Nachhaken hin, kommt er mit Details rüber.
"Ein reicher Kunstsammler. Ist vor kurzem gestorben. Hat nur das Beste ranschaffen lassen. Der Versicherungswert der Gemälde in seinem Besitz beläuft sich auf rund fünfhundert Millionen Euro."
Kunstpause. Ich warte. Lass ihn kommen. Noch bin ich nur eine Nebenfigur in seiner aufregenden Gängsta-Geschichte.
"Die Sicherheitsvorkehrungen sind ein Witz.“
„Ach ja?“
„Keine Polizei! Auf keinen Fall!"
Die Bong in meiner Hand fängt leicht zu zittern an. Er räuspert sich. Blickt mich mit wachen Augen an.
"Aber davon kriegen wir nur einen Teil. Zehn Millionen Euro! Sieben für mich, weil ich den Plan ausgearbeitet und die ganze Vorarbeit gemacht habe. Der Rest ist für dich."
Ich überlege ernsthaft ob ich Hallus schiebe. Das Gras ist stark genug. Aber auf meinen Wunsch hin, wiederholt er sein Angebot. Wort für Wort. Daraufhin erbitte ich mir eine Zigarettenlänge Bedenkzeit. Florian säubert sich derweil mit einem Streichholz die Fingernägel und betrachtet meine Poster, die zum größten Teil aus Computerspielzeitschriften stammen.
"Und?" fragt er nach höchstens einer halben Minute, aber ich bin immer noch nicht ganz über die schier unglaubliche Höhe der Summen weg. Fünfhundert Millionen! Zehn Millionen! Drei Millionen! Euro!
„Und? Carsten! Bist du noch da? “
"Das ist eine Menge Geld. Was ist das für eine Sammlung?"
Er nimmt seine Jacke von der Couch, kramt darin herum und zieht ein zusammengefaltetes Stück Papier heraus. Es ist eine am Computer geschriebene Liste. Die sieht so aus:
Madonna mit Spindel - Leonardo Da Vinci
Selbstbildnis - Rembrandt van Rijn
Selbstbildnis - Tintoretto
Porträt eines jungen Mannes – Raffael
Porträt einer Frau - Gustav Klimt
Sitzende Frau mit Schädel in der Hand - Pablo Picasso
Der Strand von Scheveningen - Vincent van Gogh
Ludovic Lepic und seine Töchter- Edgar Degas
Der Liebesbrief - Carl Spitzweg
Der arme Poet - Carl Spitzweg
Der Knabe mit der roten Weste - Paul Cézanne
"Am Arsch!" sage ich tonlos. Er lacht.
"Kohle ohne Ende, Carsten. Kohle ohne Ende!"
"Du spinnst doch!"
"Der Typ hat die Sammlung in ein Landhaus verbracht. Und niemand weiß davon!"
"Warum nicht?"
Er beugt sich nach vorne, rückt seine Schiebermütze zurecht, fährt sich mit der Zunge über die Lippen:
"Weil der Typ das ganze Zeug hat stehlen lassen!"
Nun kichert er wie ein kleines Mädchen. Wohl doch ein wenig passiv high. Ich schaue wieder die Liste an.
„Das hat der wirklich alles klaun lassen?“
„Ja, Mann! Und mehr!“
„Auf einmal? Wo?“
„Nein, in Etappen. Über Jahre hinweg.“
"Und keiner weiß davon?" vergewissere ich mich.
"Nicht mal seine Erben, Mann! Nicht mal die!"
"Woher weißt du es?"
"Das erzähle ich dir erst, wenn du zugesagt hast!"
Zugegeben: Ich bin angefixt. Florian hatte schon immer etwas von einem engagierten Telefonverkäufer und die Story klingt einfach traumhaft. Viel zu gut, um wahr zu sein. Ich artikuliere das folgendermaßen:
"Ich dachte immer Millionäre mit so einem Spleen sind nur Legenden. So wie Dr. No in diesem Bond-Film."
Florian schnippt das Streichholz zielsicher in den Aschenbecher und räuspert sich erneut.
"Der Typ war das berühmte Körnchen Wahrheit.“ sagte er und lässt die Fingerknöchel knacksen. Schaut mich herausfordernd an.
„Aber wie hat er es angestellt?“ will ich wissen.
„War ich dabei? Mit freiberuflichen Angestellten, nehme ich an. Er hat im Laufe seines Lebens Leute aus den verschiedensten Kreisen kennengelernt. Wollte er ein Gemälde haben, ließ er es klaun. Aus Museen, Auktionshäusern, Kunsthallen... "
"Okay."
"Er war ein stinkreicher Waffenhändler und hatte ein gutes Leben. Aber den Tod konnte er nicht besiegen."
"Jetzt ist er hinüber."
"Genau. Sein Leben ist vorbei. Aber unseres fängt gerade erst an! Wir sind jung, wir sind geil und wir haben nix zu verlieren!"
Wir lachen. Ich werde wieder ernst und sage:
"Das ist doch Wahnsinn!"
"Wahnsinn? Ich serviere dir gerade die beste Chance deines Lebens auf einem verdammten Silbertablett! Schlag zu!"
Ich überlege. Wo ist der Haken?
„Kein Haken!“
„So ein paar Meisterwerke sind schon was wert, oder?“ frage ich. Er nickt, wackelt mit der Hand, in der er die Zigarette hält.
„Sagen wir mal… unschätzbar viel! Eigentlich ist es nur ein symbolischer Wert, aber Wayne? Wir könnten fast verlangen was wir wollen. Wie viele Engel passen auf eine Nadelspitze?“
„Keine Peilung. Von Acid lass ich die Finger.“
Er rückt vor wie eine Armee. Stück für Stück. Sein Blick scharf, seine Handbewegungen kontrolliert und straight nach vorne. Geschäftiger Wolfsblick. Florian sagt:
„Ich sage wir bleiben bescheiden. Zehn Millionen sind gut genug für uns!“
Ich nicke. Müsste dazu jetzt wohl etwas angemessen Pathetisches sagen, eine clevere Erwiderung, vielleicht eine kluge Frage. Aber ich bin leider viel zu bekifft. Kann mich kaum konzentrieren. Egal. Einfach weitermachen. Allein schon der Gedanke an des Wahnsinns fette Beute macht mich zusätzlich high. Und das ist es wohl auch. Nur ein Gedankenspiel. Gleich wird er mir sagen was….
"Hey!" sagt er plötzlich. "Weißt du noch wie wir Jules Roller geklaut haben und nach Bremen gefahren sind?"
"Und besoffen zurück!" erwidere ich reflexartig und fast erleichtert. Eine unserer glorreicheren Nächte. Langlang ist`s her. Worauf wir uns in lustigen Einzelheiten verlieren. Worauf noch ein lustiger Schwank aus alten Tagen folgt. Und noch einer. Kettengeklirr. Als ich wieder auf die Uhr schaue, sind zwei Stunden vergangen. Ich habe Kopfschmerzen. Wir haben es geschafft das Millionen-Thema nicht mehr mit einer einzigen Silbe zu erwähnen. Irgendwann zieht er seine Jacke an und ich begleite ihn zur Tür. Bin so zugeballert, das ich mich am im Rahmen festhalten muss, um nicht umzufallen.
"Also?" fragt er plötzlich. Ich starre ihn an. Nein, ganz jung sind wir beide nicht mehr. Das Drecksflurlicht lässt uns unvorteilhaft aussehen. Schlimmer als die Beleuchtung in den Umkleiden von H&M. Ist das etwa ein graues Haar?
"Also was?" frage ich. Seine Züge verhärten sich, werden kantig und kalt. Ich will das nicht. Der Abend war angenehm, hat mich an früher erinnert, an eine bessere Phase meines Lebens.
"Drei Millionen?" murmele ich.
Er nestelt an seinem Mantelkragen herum.
"Netto und steuerfrei! Aber wenn du zusagst, bist du auch definitiv dabei! Dann gibt es kein Zurück mehr!"
"Lass mich in Ruhe darüber nachde..."
"Komm schon, Mann! Der Coup des Lebens! Zehn Millionen!
Mein Plan, dein Kommando!"
"Das hast du doch aus Takers geklau…!"
"Herrgott! Was hält dich verdammt noch mal auf?! Die Angst vor Sanktionen? Vor Veränderungen? Was?!"
„Ich halte lieber noch ein Weilchen durch, bevor ich kriminell werde und alles wegwerfe.“
„Was durchhalten? Kiffen? Youporn? Dein stumpfes Geackere? Was wegwerfen? Dein tolles Leben? Deine Mega-Zukunft in Hamburg-City? Sprich dich aus!“
„Hey…“
„Durchhalten kann man nur, wenn man ein Ziel fest vor Augen hat, und auch weiterhin versucht es zu erreichen! Was du momentan tust, ist nicht durchhalten, sondern einfach nur leiden! Sinnloses, törichtes Leiden! “
„So schlimm ist es auch wieder nicht.“
„Doch ist es! Du bist nur am rumpimmeln, Mann! Und verpennst dein Leben in dieser Sumpfkuhle! Komm endlich mal in die Puschen, Schweinebacke!“
Ich nicke, und als ich merke dass ich nicke, sage ich:
"Ja. Okay. Klingt geil."
Wir schütteln uns zum Abschied die Hand. Er grinst wie ein frischgebackenes Honigkuchenpferd. Wirkt wach. So cool.
"Morgen früh um sieben komm ich wieder. Penn dich aus!"
Spricht`s und verschwindet im Aufzug. Ich schmeiße die Tür hinter ihm zu und atme tief durch. Alles dreht sich. Was ist da eben genau passiert? Doch ich bin zugedröhnt, kaum noch fähig nachzudenken. Ich werfe mich auf meine Matratze und schlafe sofort ein.
Im nächsten Moment weckt mich das Schrillen der Hausklingel. Habe von der geilen Rihanna aus Barbados geträumt. Wir waren sehr unanständig. Die Sommersonne scheint durch das Fenster, es ist der nächste Morgen. So ein abrupter Zeitsprung ist brutal. Ich hatte keine Zeit nachzudenken. Außerdem ist es mir zu früh um aufzustehen, auf die Dauer ist das nämlich sehr ungesund, führt zu Nervenschäden und hohem Blutdruck. Im Winter ist es sogar ganz schlimm. Die Kombination aus früh, kalt und dunkel ist absolut nicht mein Ding. Noch im Halbschlaf öffne ich die Tür. Florian ist putzmunter und riesig gut drauf, der Arsch. Er hat eine schwarze Umhängetasche und eine prall gefüllte Tüte vom Bäcker dabei. Ich winke ihn herein und verziehe mich ins Bad. Der Spiegel dort zeigt mir unbarmherzig, wie grauenvoll mein derzeitiger Zustand wirklich ist. Wie ferngesteuert erledige ich die Morgentoilette, wasche meine Haare mit Shampoo, putze mir die Zähne. Gönne mir eine Aspirin. Dann schlüpfe ich in ein frisches Fun-Shirt ("Mathe ist ein Arschloch und Physik ist sein Bruder.“) und fühle mich gleich etwas besser. Wenn sich dieser angeblich bombensichere Coup nicht doch noch als verspäteter Aprilscherz oder als eine üble Kamikazeaktion entpuppt, werde ich wohl zusagen. Was soll ich auch sonst tun? Die Anzahl meiner gangbaren Optionen ist äußerst begrenzt. Es ist schon seltsam, mit welcher Selbstverständlichkeit er hier nach so langer Zeit wieder auftaucht. Noch seltsamer, dass ich es irgendwie ziemlich normal finde. Dabei ist die fünfte Klasse lange her. Die neunte eigentlich auch. Ich werde ihm beim Frühstück mal ein wenig auf den Zahn fühlen, schauen, ob sich was verändert hat. Es gibt Schnittbrötchen, O-Saft, Rollmops, Schinken, Käse, hartgekochte Eier, Grapefruit, diverse Marmeladen und Kaffee bis zum Abwinken. Mal was ganz anders als mein sonstiges karges Hartz-Mahl. Ich haue rein wie ein mit Nitro betankter Scheunendrescher und sinke schließlich rülpsend und pappsatt zurück in meinen Stuhl. Als wir den Tisch abgeräumt haben, legt Florian eine daumendicke blaue Mappe auf den Tisch. Öffnet sie und schiebt sie zu mir rüber. Hat mich abgefüttert, und nun kommen wir zum geschäftlichen Teil. Hauptsächlich handelt es sich um Fotokopien und Computerausdrucke. Auch eine Landkarte ist dabei, und ein Satellitenfoto desselben Gebiets. Ein allen Anschein nach riesiger See in Form eines erigierten Penis, die Namen der zahlreichen Ortschaften drum herum, lesen sich für mich italienisch. Wieder die Liste der Gemälde, erweitert um weitere Bilder von Typen, deren Namen mir vage bekannt vorkommen: Renoir, Schongauer, Monet... ich blättere weiter. Der Ausdruck einer Wikipediaseite. Sie beschäftigt sich mit dem deutschen Großindustriellen und Waffenhändler Hans-Georg Kern. Alter deutscher Geldadel. Der Eintrag ist recht kurz. Geboren in Hamburg, Karriere im Familienbetrieb, unter seiner Führung zahlreiche Fusionen, Übernahmen und eine internationale Expansion. Reiche werden eben immer noch reicher. Belieferte offiziell die Bundeswehr, das Bundesheer und Armeen zahlreicher Nato-Mitgliedsstaaten, aber anscheinend bei weitem nicht nur die. Seine Frau Lisa war 1992 abgekratzt, er hatte nicht wieder geheiratet. 2003 dann der Rückzug ins Privatleben, 2011 in seiner Geburtsstadt gestorben. Das Foto zeigt einen verkniffen dreinblickenden alten Mann mit schütterem Haar, nicht unbedingt ein Sympathieträger, eher so die Kategorie "Knallharter Patriarch".
"Stimmt. Das war er." sagt Florian auf meine entsprechende Bemerkung hin.
"Ist auf ein katholisches Internat gegangen. Danach Universität. Von da aus direkt in den Vorstand des Familienbetriebs. Leben hinter Mauern, Glas und Stahl. Die ganze Zeit. Ist dann aber später viel um die ganze Welt gereist."
"Kein neureicher Schnösel?"
"Alles andere. Die Familie ist eine richtige Dynastie. Unauffällige Strippenzieher, solche Arschlöcher halt.
Haben sich sicher gut in die Politik eingemischt."
Unterhalb des Artikels sind einige Links aufgelistet.
Deren Ausdrucke hat Florian mit Büroklammern zusammengeheftet. Sehr sorgfältig. Chronisch chronologisch. Abgesehen von den Freundinnen seines besten Freundes, würde er nie etwas tackern. Hamburger Abendblatt, Frankfurter Allgemeine, ZEIT, Süddeutsche Zeitung und noch ein paar andere tapfere Verteidiger des Abendlandes: Sie alle hatten Kerns Tod für erwähnenswert gehalten. Aber keine großen Schlagzeilen, er war keine Person des öffentlichen Lebens gewesen. Knappe, nüchterne Charakterisierungen, 30zeilige Zusammenfassungen eines deutschen Lebens. Oberflächlich und ziemlich uninteressant, abgesehen davon, dass einer der Artikel seine beiden erwachsenen Kinder erwähnt - und einen erbitterten Kleinkrieg um das gewaltige Erbe andeutet.
Nächstes Blatt: Ein kurzer Artikel aus den frühen Neunzigern. Es geht um ein $chmiergeldskandälchen Mitte der Achtziger. Empfänger: Stellen im libyschen Militär. Absender: Vielleicht Hans-Georg Kern. Der nächste Artikel, zwei Jahre später: Ermittlungen eingestellt. Aber das ist noch nicht alles. Die Achtziger waren für die Familie Kern stürmische Zeiten. 1981 waren die beiden Kinder, Michael und Anna, von Geiselgangstern entführt worden. Papa zahlte und die Verbrecher wurden ein halbes Jahr später in der Tschechoslowakei festgenommen. Auch in diesem Fall war das Presseecho anscheinend nur sehr leise ausgefallen und dementsprechend schnell verklungen. Auf der Wikiseite gibt es nicht einmal eine User-Diskussion.
"Woher weißt du noch mal über seine Sammlung Bescheid?"
"Du musst nur Zugang zu den richtigen Quellen haben. Kern ist in einer exklusiven Hamburger Privatklinik gestorben."
"Ach so?"
"An Krebs. Außerdem war er schwer dement. Alzheimer."
"Wenn es kommt, dann alles auf einmal."
"Genau. Auf jeden Fall war das Verhältnis zum Rest der Familie schwer gestört. Der Sohn hat ihn nur selten besucht, die Tochter gar nicht. Am Sterbebett hat er sich seiner Pflegerin anvertraut. Hat sie sogar um Absolution gebeten. Du sollst nicht stehlen und so. Du sollst nicht töten. Die Gute ist nun aber spielsüchtig und hat horrende Schulden. Sie dachte mit dem Verkauf dieser Information könnte sie gut Geld verdienen. Und sie behielt Recht."
Er kippelt auf seinem Stuhl herum und lächelt. Mann, hat der Junge viele Zähne. Ein Haifisch ist nichts dagegen. Captain Subtil rüttelt an seinen Ketten, ich kann es klirren hören. Der Typ soll die Schnauze halten.
"Wo trifft man den spielsüchtige Krankenschwestern?" will ich wissen.
"Im Casino in Baden-Baden."
Das Thema ist ihm sichtlich lästig.
"Und den Hehler, der uns den ganze Schrott abnimmt, hast du wohl auch im Casino getroffen?"
"Nee. Es gibt überhaupt keinen Hehler, deswegen wird es ja auch so gut funktionieren, Wir verkaufen das Zeug einfach direkt zurück. An die hier. An die beiden hier!"
Er schnellt nach vorne und sucht einen Zeitungsartikel heraus. Ein Doppelinterview vom Standard aus Wien. Anna und Michael Kern stellen sich den mehr oder weniger kritischen Fragen eines Redakteurs. Das Thema Entführung wird komplett ausgeklammert, auch über Nordafrika wird kein Wort verloren. Stattdessen geht es um Marktstrategien, Börsennotierungen, Weltpolitik. Um unternehmerische und moralische Verantwortung. Ich überfliege die Aussagen. Liest sich wie das übliche NLP-Gewäsch, also etwa so:
"Wir haben uns bewusst für eine externe Lösung entschieden. Wir wollen neue Sichtweisen auf bekannte Prozesse zulassen, tragen aber weiterhin gemeinsam die Verantwortung für die Verwirklichung neuer Ideen und das Eingehen unternehmerischer Risiken, blablabla, laberlabersülz, willkommen bei der New World Order..."
Seltsam, dass junge Waffenhändler überhaupt Interviews geben. Anna sieht sehr scharf aus, mit ihren blonden Pferdeschwanz, ich schätze sie auf Mitte Dreißig. Michael ist auch so der selbstgefällige Yuppie-Arsch, erinnert mich an den Schauspieler Scott Speedman in ungesund. Das Foto, das die beiden einträchtig lächelnd vor der in Öl gepinselten Ahnengalerie ihrer Familie zeigt, spricht Bände. Die können sich nicht ab - aber Blutgeld ist eben dicker als Wasser. Das Interview ist von 2004. Ein Jahr, nachdem der Alte karrieremäßig abgetreten war. Was mich betrifft, so könnte die beiden Vögel auch auf einen anderen Planeten leben. Völlig andere Spezies. Meine Eltern sind leider butterweiche Pazifisten, ein Pädagoge und eine Krankenschwester. Völlig kaputte Kreaturen, hilflose Helfer. Meine untereinander in zahllose Vendettas verstrickte Familie kannst du überhaupt total vergessen. Warum konnte mein Alter kein cooler Waffenhändler sein? Ich als Vollsnob im Eliteinternat, die Weltverbesserungsfraktion findet mich ungeil, mir ist das egal, koksend, saufend, wakeboardend durchs Leben, die Hemden von Lacoste, die Uhr von Maurice LaCroix, meine Dissertation kauf ich mir wie Guttenberg, ein BMW Cabrio zum achtzehnten, ein Maybach zum fünfundzwanzigsten, Ferien in St.Moritz und auf Gran Canaria, die Angestellten meines Vaters schleimen jetzt schon rum, weil ich mal ihr Chef sein werde, ich bürste Models und neurotische Soapsternchen durch, weit weg von den ganzen Straßenbahndreck. Bodyguards! Bis zum Bersten gefüllte Waffenschränke! Soda Pop! Ein eigenes Pony! Yeah!
Aber Nein. Bin nur haarscharf der Walddorfschule entgangen. Wenigstens das. Florian unterbricht meinen Gedankengang und weist mich auf eine selbstgeschossene Bilderserie hin.
"Das ist alles ganz interessant, sie erklären die Vorteile einer doppelten Holdingstruktur und so. Aber ehrlich, Mann - kannst du damit überhaupt was anfangen? Hier spielt die Musik!"
Ich tue ihm den Gefallen. Konzentriere mich auf die Farbfotos. Die Auflösung ist sehr hoch, man kann sämtliche Bilddetails gut erkennen. Das ist sie also. Die berühmte Villa am Gardasee. Eigentlich eher ein sehr ansehnliches Landhaus, rustikaler Stil, aber deutlich oberes Preissegment. Direkt am Uferstrand, eingerahmt von sattem Grün, hauptsächlich Kiefern und Palmen. Ich kann die Vögel fast zwitschern hören. Da wäre ich gerne aufgewachsen, so als Alternative zum Waffenhändler-Internat. Sieht nach glücklicher Kindheit aus. Anscheinend liegt das Grundstück auch direkt am Hang, die Fotos sind zumindest aus großer Höhe aufgenommen. In direkter Nachbarschaft befinden sich noch zwei weitere Häuser. Bevor ich mich noch weiter in den Einzelheiten verliere, frage ich lieber schnell:
"Von wann sind die?"
"Von vor zwei Wochen. Ich habe mich dort etwas umgeschaut. Das Gelände ist unbewacht. Zumindest habe ich dort keine Menschenseele gesehen."
"Hundeseelen, vielleicht?"
"Hast du immer noch diese Phobie,Digger?"
"Dich hat das Drecksvieh nicht gebissen!"
"Also, ich habe da weder Menschen noch Hunde gesehen."
"Alarmanlage?"
"Sehr unwahrscheinlich. Stell dir mal vor, was da los wäre, wenn sie Diebe im flagranti erwischen, wie sie gerade heiße Ware aus dem Haus schleppen! Gemälde, die teilweise seit Jahrzehnten als gestohlen gemeldet sind!“
„Oha!“
„Kern wäre völlig am Arsch gewesen! Waffen zu verkaufen, die Kindersoldaten umbringen ist okay. Aber wehe, du vergreifst dich an bürgerlichen Werten!"
"Nun ja."
"Frag dich mal, warum jede Opernkarte in Deutschland vom Staat mit hundertachtzig Euro subventioniert wird! Machen sich Herr und Frau Nasehoch einmal einen schönen Abend mit dem singenden Figaro, schaut wieder ein Hartzer in die Röhre und..."
Er will ablenken. Weiß, dass ich auf den Sermon von der sozialen Schieflage normalerweise anspringe wie ein Kastenteufel.
"`Is ja gut!“ unterbreche ich ihn.
„Bist du sicher?"
"Das war sein Geheimnis, Mann! Tatsache wahr! Die Unauffälligkeit der Immobilie war sein Schutz. Keiner wusste es. Außerdem..."
Man kann fast sehen, wie er sich auf die Zunge beißen will.
"Außerdem was?" hake ich nach.
"Bist du jetzt definitiv dabei?"
"Ja, verdammt!"
"Gut. Pass auf: Da gibt es einen Geheimgang. Einen venezianischen Spiegel."
"Was ist das?"
"Wo man von einer Seite durchsehen kann und von der anderen nicht. Und dahinter ist ein Gang, der ins Kellergeschoß führt. Und da lagern dann die Bilder!
In einen Raum mit perfekt eingestellter Temperatur und perfekter Luftfeuchtigkeit."
"Ich werd auch gleich feucht! Hat der Typ das echt alles seiner Krankenschwester erzählt?"
"Am Schluss war er eben wie gesagt schwer verwirrt. Desorientiert. Wusste zum Teil nicht mehr wo oder wer er war. Hielt sie abwechselnd für seine verstorbene Mutter, eine seiner Schwestern oder seine Tochter. Hat von einer Minute auf die andere vergessen, was er gerade erzählt hat. Sie hat ihn sicher ganz schön bearbeitet."
"Auch am Sterbebett?"
Er winkt ab. "Willst du etwa kneifen?" fragt er.
"Das habe ich nicht gesagt."
"Mach dir keinen Kopp, Carsten! Hör auf Hindernisse zu suchen, wo keine sind!"
Ich nicke langsam. Bleibt eigentlich nur noch eine Frage:
"Wann soll es losgehen?"
Er packt den Papierkram zusammen und steckt alles in die Mappe. Und die Mappe in seine Tasche. Wie ein Boss.
"Wie wäre es mit jetzt sofort? Oder hast du irgendwelche wichtigen Termine?"
Nein. Habe ich nicht.
So ist das Leben. Chancen tun sich genauso schnell auf wie sie wieder verschwinden. Und ob du wirklich bereit warst, weißt du meist erst hinterher. Ich habe diese verlogene und korrupte Drecksgesellschaft nicht erschaffen, aber satt - und muss trotzdem immer noch in ihr leben. Und um diesen unhaltbaren Zustand zu beenden, werde ich ihre Regeln brechen. Alles andere würde ich bis ans Ende meiner Tage bereuen.
"Gib mir fünf Minuten um meine Sachen zu packen." sage ich. Florian scheint von meinem plötzlichen Sinneswandel angenehm überrascht zu sein, schlüpft in seine Jacke, packt die Schlüssel ein. Zehn Minuten später sind wir bereits auf der Straße unterwegs.
"Habe ich den Herd abgeschaltet?" fällt es mir in Florians Wagen ein. Es ist ein blauer Subaru Legacy, nicht mehr das allerneuste Modell, aber immer noch ein ziemlich cooles Teil, eingedenk der Lufthutzen und des sportlichen Zuschnitts. Gerade fahren wir in die Innenstadt rein. Auslaufende Rush Hour. Um uns herum mehr Verkehr als im Swingerclub. Florian flucht, kurbelt am Lenkrad, nutzt jede Lücke. Hat immer noch nicht gelernt stillzusitzen. Trotzdem schieben wir uns nur mühsam von Ampel zu Ampel vorwärts, scheuchen Passanten vor uns her. Hamburg lebt. Penner, Studenten, Geschäftsleute, Muddis, Schulschwänzer, Bullen, Asiatinnen, Sonnenbrillentussis, Grufties, Skater, Rastaträger, Müllmänner, Omis mit Gehhilfen, Glatzköpfe mit eckigen Brillen, ausländische und deutsche Schleims mit ihren Tussen, Hundehalter, Prolo-Assis mit dummen Tätowierungen. Viele dieser Spacken haben das obligatorische Handy am Ohr...halten sich für wichtig... ungewohnt die ganzen Vögel mal aus der Chefperspektive zu sehen. Und ohne Ton. Wie schön. Ich atme ein, ich atme aus.
"Ganz sicher hast du das." beantwortet Florian meine Frage und lenkt den Wagen in die Zufahrt des Bahnpark-Parkhauses am Hauptbahnhof. Wir rollen den schneckenförmigen Gang nach unten, bis wir das unterste Parkdeck erreichen. Es ist wie eine andere Welt. Der Sound des Motors klingt merkwürdig gedämpft, das Licht ist kalt und unwirklich. Ich lasse das Fenster runterfahren, sauge den Geruch tief in mich ein. Ich liebe Tiefgaragen. Nur von sporadischem Motorengebrüll unterbrochene Stille, konstant kühle Temperatur, wuchtige und doch klar strukturierte Architektur. Gerade im Sommer wahnsinnig angenehm. Es beruhigt. Hinter einer Säule, ganz weit hinten, steht ein roter Kombi, einer wie ihn Handwerker fahren. Flache Schnauze, dafür aber viel Ladefläche. Florian parkt den Subaru direkt daneben.
"Gemietet." kommt er meiner Frage zuvor und steigt aus. Fischt einen zweiten Schlüsselbund aus der Hose, öffnet damit die hinteren Türen. Mit dem Zeug auf der Ladefläche könnte man eine ganze Diebesbande ausrüsten. Wir klettern ins Innere, er schließt die Tür und knipst das Licht an. Ich gehe in die Hocke. Schaue mich um. Die meisten Gegenstände kann ich auf Anhieb identifizieren, einige bleiben jedoch ein Mysterium, den Wissenden vorbehalten. Vieles ist noch originalverpackt, die beiden Nachtsichtgeräte zum Beispiel. Ein Pickset, bestehend aus zwei Dutzend Dietrichen, Schlüsseldienste benutzen so was. Und kleine Spinner, wie ich mal einer war. Eine manuell betriebene Pickpistole, ein Glasschneider, ein Spezialknackrohr zum Abbrechen von Zylindern. Eine Gasflasche. Ein Schlauch mit Handpistole. Aus dem Vollen gefräste Spezialwerkzeuge aus gehärteten Edelstahl. Lederhandschuhe und Batterieklemmen. Metallkoffer. Schutzbrillen für Schweißarbeiten und ein Werkzeugkasten. Ein verdammtes eingepacktes Schlauchboot, zwei Rucksäcke, zwei Taschenlampen, eine Brechstange und Papprollen in einer Plastikbox, die laut Beschriftung mal Legosteine enthielt. Ich bin verdammt beeindruckt.
Potentes Material.
"Polnischer Schwarzmarkt?" frage ich.
"Ebay und Praktiker. Hauptsächlich."
"Du hast echt an alles gedacht."
"Das hoffe ich. Jetzt fehlt nur noch dein destruktives Talent. Unvergessen, wie du Oma Kawuppkes Kellerschloß geknackt hast! Oder die Aktion mit dem Bierzelt! Einfach alles auf die Europaletten drauf! Unfassbar dreist! "
Er versucht ganz offensichtlich mich zu begöschen.
Und es funktioniert auch fast. Ich blocke ab.
"Was haben wir gelacht!“ sage ich.
„Das hier ist aber eine andere Liga!"
Er nimmt die Marlboro die er hinter dem Ohr hatte in die Hand und entzündet sie. Macht schmale Augen.
"Kunstraub ist simpler als du denkst! Gemälde zu klaun ist einfacher als ein Kiosküberfall! Was meinst du warum es für den alten Sack so gut gelaufen ist? Ich habe da ein bisschen recherchiert. Unfassbar, wie schlecht die großen Museen gesichert sind!"
Er klettert über die Sitze nach vorne. Vor meinem geistigen Auge nimmt der Einbruch langsam Gestalt an. Kommt natürlich auch auf das Haus und das umliegende Gelände an, auf die Sicherheitstechnik und die Nachbarn. Nachdem ich noch ein wenig herumgestöbert habe (Übungszylinder, Metalllanzen, Presslufthammer, Skimasken) drängt er zum Aufbruch. Wir lassen den Subaru stehen und fahren mit dem Kombi zurück auf die Straße. Keine zwanzig Minuten rasen wir bereits auf der A7 in Richtung Süden.
Nachdem wir aus dem Elbtunnel raus sind, fahren wir durch das riesige Containerterminal Eurogate und die Gleisanlagen am Hafen. Gigantische Schiffe ziehen vorbei. Ich lasse lässig die Ellenbogen aus dem Seitenfenster hängen, Flo trägt eine schmale Sonnenbrille im Matrix-Stil und gibt gut Gas. Raus aus Hamburg, rein ins Leben! Hallo Deutschland! Wir fahren Stunde um Stunde, fressen Kilometer, rauchen Joints und reden wenig. Die sommerliche Bullenhitze flasht, der Motor brummt, dass Tacho nadelt. Draußen ziehen matschige norddeutsche Landschaften vorbei. Baustellen, Baggerseen, Solarkraftanlagen, Wälder. Im Radio laufen unabhängig vom Sendegebiet immer die gleichen Songs. Er hat einen Mp3-Stick dabei, aber sein Musikgeschmack ist nur unwesentlich besser:
Independent und House. Kruder und Dorfmeister. Massive Attack. "Teardrop on the fire , Fearless on my breath..."
Ich würde jetzt lieber was mit Gitarren hören. Good Charlotte. Creed. Skindred. Godsmack. Von mir aus sogar Sting und Eric Clapton. Das Ganze noch mit ein wenig Rap, Soul und gutem Pop abgeschmeckt – Voilà! Bon Appetite! Aber egal. Wir halten nur zum Tanken und Pinkeln, kauen eingeschweißte Sandwichs, die voll widerlich schmecken. Wenn ich nicht fahre, baue ich Joints oder starre aus dem Fenster. Endlose Felder, Wälder, Wiesen und Autobahnbrücken. Schnellstraßen, Baustellen, Zugstrecken, Hochspannungsleitungen, Viehkoppeln. Das Land ist weit und flach, unsere Sprüche sind es auch. Noch mehr Felder, da blüht Weizen und gelber Raps. Ich sehe sich langsam drehende Windräder und blitzblanke Kirchtürme mit Wettergockeln drauf. Fachwerkhäuser, rauchende Schornsteine, die goldenen Bögen von McDonalds. Wir hören Radio und als ausnahmsweise mal zwei gute Songs hintereinander gespielt werden, drehe ich den Lautstärkeregler brutal nach oben. Eddy Grant singt “Electric Avenue”. Bunter Schall erfüllt die Fahrgastzelle. „We´re gonna rock right trough, Electric Avenue – and then we take it higher!” singt der gute Eddy. Genau, Mann! Higher ist die Devise! Irgendwann, irgendwo hinter Hildesheim lehnt Florian die liebevoll gerollten Joints erstmals dankend ab und Subtil rät mir, das Rauchen ebenfalls einzustellen. Ausnahmsweise höre ich auf ihn. Sanfte, langgezogene Links- und Rechtskurven wiegen mich in den Schlaf.
Am frühen Abend erreichen wir den Grenztunnel nach Österreich. Vor uns ein fantastisches Alpen-Panorama. Das Navi weist uns den weiteren Weg und ich danke Gott im Stillen für das Schengenabkommen, das den freien Grenzverkehr möglich macht. Keine ernsthaften Kontrollen mehr, die kriminelle Elemente wie uns aufhalten könnten. Habe die Europäische Union nie für eine gute Idee gehalten und das ist einer der Gründe dafür. Ein paar tausend Elitlinge entscheiden und Millionen träger Schafe trotten widerspruchslos mit. Wird die apathische Bevölkerung ausnahmsweise mal gefragt und ist gegen die Verfassung und die Verordnungswut des aufgeblähten Apparates, wird ihr Votum einfach ignoriert. Die Reichen zahlen für die Armen und die Armen zahlen an die Banken. Und die Lohndumpingspirale dreht sich weiter nach unten. Ich nehme einen weiteren tiefen Zug warmes Weed. GEZ und Europäische Union – für mich alles ein und dieselbe Mafia!
Im Radio läuft Rihanna. Die ist so geil. Eine Perle aus dem Bermudadreieck. Der würde ich gerne am Strand den Hintern versohlen und sie dann….naja. Die Gedanken in meinem bekifften Gehirn schweifen ab. Ich stelle mir vor, wie ich die klitschnasse Rihanna durchbumse. Und Kate Bosworth. Die alte Kate Bosworth, von 2002. Blue Crush, ein Hammerfilm. Bevor sie zu mager wurde. Und Lucy Liu, die asiatische Versuchung. Alle drei zusammen. Ein multikulturelles Sex-Sandwich mit mir als Fleischeinlage. Ich höre lockende Tiefseestimmen, die klingen wie ein Chor satanischer Unterwassernymphen. Oder Darth Vader, der von einem Wal verschluckt wurde. Es stiehlt meine Seele, doch das macht mir nur wenig aus, denn im Ozean des Lebens sind wir doch alle nur kleine Fische. Außer Rihanna. Die ist ein funkelnder Diamanthai mit haselnussbraunen Augen. Mit der würde ich ganze Pferdeherden stehlen.
"Was grinst du denn so blöd?" fragt Florian. Ich winke ab.
"Pass auf die Straße auf!" sage ich. Schaue aus dem Fenster.
Es hat angefangen zu regnen. Wasser pladdert gegen die Scheibe, rinnt daran herunter, sammelt sich am unteren Rand.
Als ich wieder aufwache, säuselt Jamiroquais unverwechselbare Stimme aus den Lautsprecherboxen.
Flo nudelt wieder seine Mp3`s ab.
„There is no easy way to make it better, there it is, there it is, couldn't change it if I wanted, taste it all the time." Kopfschmerzen. Und ein Mix aus ekligen Geschmäckern im Mund. Wo sind wir noch gleich? Ah ja, Österreich! Land der Kühe und des Jörg Haider. Nordautobahn. Um uns herum gewaltige Bergmassive. An und für sich ein schönes Land, leider bin ich viel zu müde, um es gebührend zu würdigen. Außerdem wird es langsam dämmrig, ich sehe ohnehin nur noch vorbeiflitzende Lichter in der einsetzenden Dunkelheit, eine endlose Reihe von Schildern, Scheinwerfern und roten Bremslichtern. Kurz vor der Grenze zu Italien bin ich völlig erledigt. Wir halten an einer schäbigen Autobahnraststätte. Florian fummelt ein Tütchen aus seinem Portmonee. Kokain. Er bietet mir etwas davon an, ein silbernes Röhrchen hat er auch dabei. Wir schnupfen es und sind kurzfristig erleuchtet. Das Hungergefühl verschwindet zusammen mit der Müdigkeit ins Nirwana. Ich übernehme das Steuer. Bin wieder sehr optimistisch. Wir haben das Geld, die Ausrüstung und den Plan, in einer Woche werde ich Multi-Millionär sein!
Was soll ich mit der ganzen Kohle bloß anstellen? Auf jeden Fall erst mal unauffällig weiterleben und ausgedehnte Urlaubsreisen unternehmen. Kreuzfahrten auf dem Nil, Trekking in Nepal, Rennen mit den Stieren in Pamplona, Ficken in Thailand. Whatever comes my way. Die Autobahn flutscht unter uns weg wie Vanilleeis in der Sonne, wie eine steile schwarze Skipiste, wie ein Laufband in einem hyperexklusiven Fitnessstudio. Das erste Mal seit langer Zeit beginne ich wieder echte Hoffnung zu schöpfen, kalt und kristallklar, wie aus einem Bergbach. Drei Millionen Euro.
Ich ergehe mich in weiteren vergnüglichen Phantasien, die Italiener fahren wie die angesengten Wildsäue, ich halte dagegen. Als ich in den Rückspiegel schaue, ist mein Grinsen fast so sichelförmig wie seins. Drei Stunden später,
es ist inzwischen stockdunkel, erreichen wir unser Ziel. Das Nordufer des Gardasees. Olivenhaine entlang der Serpentinen, rechts von uns steil aufragende Berge, links das riesige Alpengewässer. Die Lichter der Siedlungen am Ufer fassen es ein wie ein Juwel.
Der Gardasee. Eine ganz versnobte Bitch. Aber gleichzeitig wunderschön. Hochklassig. Göttlich. Italienisch. Ich blinzele. Immer noch da. Über mir das funkelnde Sternenzelt, vor und hinter mir erheben sich die gewaltigen Bergrücken und die weitläufige Bungalowanlage, in der wir uns einquartiert haben. Es riecht nach südlicher Vegetation, nach Zedern, Sommer und gegrilltem Fisch. Ich bin todmüde, doch die Nachwehen der Drogen lassen meinen Körper nicht zur Ruhe kommen. Aber das ist wohl nur noch eine Frage von Minuten. Alles erscheint wie ein luzider Traum. Die Luft ist warm und klar, es ist als wäre ein dunkler Vorhang von meiner Seele weggezogen worden, neuer Sinn erfüllt mein Leben. Außer uns gastieren hier vor allem Familien und Pauschaltouristen, dass mache ich an den Mittelklassewagen und Reisebussen fest, die auf den Parkplätzen stehen. Die Anlage ist sehr gepflegt. Glatter Asphalt und sorgsam gestutzter Rasen gehen nahtlos ineinander über. Florian hat gut gewählt, dieser Ort ist perfekt. Tagsüber werden sich hier hunderte, vielleicht sogar eher tausende Menschen tummeln. Am Strand, im Swimmingpool, auf den Spielplätzen, im Restaurant, im kleinen Supermarkt, überall. Keinem von denen werden wir auffallen. Niemand wird sich an uns erinnern. Unser Bungalow ist leider nur eine bessere Hütte. Das muffige Bettzeug ist mit hässlichen Mustern bestickt, der Boiler braucht ewig bis das Wasser warm ist und der Ofen funktioniert nicht richtig. Abgesehen davon ist es schön. Und vor allem schön ruhig. Ich kehre dem See den Rücken zu, schließe die Haustür des Bungalows auf. Florian schnarcht bereits wie ein Sägewerk und ich verharre einen Moment lang. Auf dem Nachttisch liegt sein Portmonee. Ich überlege und greife dann zu. Ausweis,
EC-Karte von der Deutschen Bank, Visitenkarte von einem Berliner Nachtclub namens "Die Villa", Bibliotheksausweis, Krankenkassenkarte, Monatsticket für den Nahverkehr. Keine Fotos von keiner Familie und keinem Mädchen. Langweilig. Gut vierhundert Euro in Scheinen. Okay. Ich inspiziere noch mal den Ausweis. Das Foto ist scheiße, nur die Frisur und das Grinsen sitzen halbwegs. Adresse in Berlin. So eine Art schlechtes Gewissen überkommt mich. Das ist mein Kumpel. Wir haben uns gegenseitig nie bestohlen. Lege das Portmonee vorsichtig zurück. Dann kicke ich meine Schuhe in die Ecke, ziehe mein T-Shirt aus, stelle den Handywecker auf acht Uhr. Lege mich auf mein Bett. Dämmere langsam weg, während draußen die Grillen musizieren. Nein, ich will in meinem Leben keine Schulden mehr bezahlen. Ich will, dass man mir die Welt auf einem Silbertablett serviert. Jeder der mich kennt, muss zugeben, dass ich es verdient habe. Von diesem Gedanken beseelt, gleite ich umgehend ins Reich der Träume.
Mein Handywecker spielt seine kleine, dumme Weckmelodie namens "Like I Care". Zu meinem Entsetzen habe ich von Avril Lavigne geträumt. Einer splitterfasernackten Avril Lavigne. Sie ritt mich wie einen wilden Hengst, quitschte und stöhnte dabei die ganze Zeit wie ein Pokémon. Ihre süßer Po und ihre kleinen Brüste waren auf- und abgehüpft, ihre langen braunen Haare hatten meinen Körper umschmeichelt. Meine Morgenlatte ist Legende. Wenn mich jemals jemand nach so was fragen sollte, war es Megan Fox. Ich lausche dem Rauschen der Bäume vor dem Fenster und nach ein paar weiteren Minuten Dösens quäle ich mich aus den Kissen. Brauche Kaffee. Das gülden Sonnenlicht flutet durch die halbgeschlossenen Jalousien, mein Mund schmeckt, als hätte ich einen Aschenbecher ausgeleckt. Grunzend wuchte ich mich aus dem Bett. Mein Komplize sitzt bereits im Wohnzimmer. Ich weiß dass er über eine gut funktionierende innere Uhr verfügt. Braucht nicht viel Schlaf, der Wolf. Er hat den ganzen Küchentisch vereinnahmt (da liegen Landkarten, Fotos, etliche Computerausdrucke und Notizbücher) und tippt auf seinem weißen Mac-Notebook herum, eine Dose Red Bull neben sich. Als ich in den Raum stolpere, blickt er auf. Seine Augenringe sprechen Bände.
"Hast du in deinen Klamotten geschlafen?" fragt er. Ich werfe einen Blick über seine Schulter. Google Map. Der Gardasee. Satellitenfotos. Bootsverleih. Eine Seite die sich mit Isolierschaum beschäftigt. Viele, viele Fenster offen. Er feilt schon wieder und immer noch an seinem perfiden kleinen Plan herum. Ein Perfektionist. Deswegen kriege ich wohl auch nur ein Drittel. Wichser. Im Badezimmer lasse ich mir kaltes Wasser über Gesicht und Handgelenke laufen. Warte bis der Boiler hochgefahren ist. Eine heiße Dusche später fühle ich mich schon fast wieder wie ein Mensch. Ich schlinge mir ein Handtuch um die Hüften und tigere wieder ins Schlafzimmer zurück, um mir frische Klamotten rauszusuchen. Gut, dass ich noch an ein weiteres kurioses Fun-Shirt gedacht habe: Zwei Panzer, die ihre Rohre aufeinander gerichtet haben. Text:
"Bis einer heult."
"Du bist fett geworden." sagt Florian. Ich murmle etwas Obszönes, mein Magen knurrt.
"Gibt`s hier auch was zu fressen?" Er deutet mit dem Daumen in Richtung Spüle. Da liegen mehliges italienisches Weißbrot, Margarine, Schinken und Oliven. Schön. Ich schmiere und belege. Greife mir eine geöffnete Packung Vollmilch aus dem Kühlschrank. Vollmilch für Vollprofis.
"Und deine T-Shirts nerven immer noch!" tönt er.
"Dafür trägst du Calvin Klein.“ antworte ich.
„Bezieht sich das auf deinen Schwanz?"
"Deine Mudda hat sich nie beschwert."
"Hast du mir noch eine Nase?"
"Nein." antwortet er tonlos, ohne seinen Blick vom Monitor zu lösen.
"Alles weg."
Ich ziehe mir einen Stuhl ran und setze mich neben ihn an den Tisch.
"Krümel nicht alles voll." sagt er abwesend und tippt weiter.
"Da ist ein hoher Zaun und viel offenes Gelände. Wir werden über die Seeseite reingehen. Dafür habe ich das Schlauchboot gekauft. Wie viel wiegst du?“
"Fünfundachtzig." schätze ich und zupfe an meiner Wampe herum. Die lästige Personenwaage habe ich zuhause schon längst in den Keller verbannt, eine der Freuden des Single-Daseins. Er notiert sich meine Angabe auf einem Notizblock.
"Ich vierundsiebzig. Das Boot trägt laut Hersteller bis zu zweihundertfünfzig. Sollte reichen. Ist auch nur ein kurzes Stück."
"Und die Gemälde wiegen fast nichts." sekundiere ich und blättere ziellos in den Unterlagen herum.