Excerpt for Ich aber erforsche das Leben. Die Lebensgeschichte des Jean-Henri Fabre by Martin Auer, available in its entirety at Smashwords

Martin Auer
Ich aber erforsche das Leben
Die Lebensgeschichte des Naturforschers
Jean-Henri Fabre

Copyright 1995 Martin Auer

Smashwords Edition



Die Erstausgabe erschien 1995 im Verlag Beltz & Gelberg



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I

Sonne

Erde

Zeit

II

Kienspan

Esel

Kristalle

Drachenzähne

Grammatik

III

Sauerstoff

Algebra

Wilder Honig

Münzen

Fieber

Brocken

Muscheln

Anatomie

Urzeugung

Knotenwespe

Vorgänger

Verdacht

Orchideen

Kalkstein

Kameraden

Färberröte

Seide

Bücherschrank

Ordensband

Volksbildung

Freundschaft

Frömmler

Kreisel

Senftopf

Grabstein

Erinnerung

IV

Disteln

Drahtglocken

Früchte

Katzenmusik

Horizont

V

Fragen

Gesänge

Nervenzentren

Geheimnis

Fünkchen

Fußtritte

Sinn

Maschinen

Werkzeug

Nest

Invasion

Duft

X-Strahlen

Universum

Beobachten

Eingreifen

Voraussehen

Vernunft

Daseinskampf

Schöpfermacht

Tatsachen

Magnet

Gleichheit

Gerechtigkeit

Tod

Nutzen

Freude

VI

Ehren

Glühwein

Peitsche

Maikäfer

Farben

Ruhm

Traum

Anhang

Nachwort

Literaturhinweise

I

Sonne

In der lähmenden Hitze des Mittags, unter dem stählernen Blau des südfranzösischen Himmels, liegt ein kleiner alter Mann auf dem glühenden, von der Trockenheit steinhart gebackenen Lehmboden eines Feldrains. Nur ein schwarzer, breitkrempiger Filzhut schützt seinen Kopf vor der Ungnade der Sonne. Der alte Mann liegt auf dem Bauch und beobachtet geduldig eine Sandwespe.

Das schwarze, vielleicht zwei Zentimeter lange Insekt mit den zottigen Beinen und dem roten Hinterleibsring gräbt mit seinen Kiefern ein Loch in die spärlich mit Gras durchwachsene Wegböschung. Ohne Hast nagt das Tier einen Gang in das Erdreich und schiebt, was es aufgeschürft hat, mit den Vorderbeinen fort. Wenn irgendein Steinchen besonders schwierig fortzuschaffen ist, hört der alte Mann vom Grunde des Schachts ein scharfes Knirschen. Der ganze Körper der Wespe vibriert dann vor Anstrengung, das ruft das Geräusch hervor. In kurzen Abständen kommt das Insekt mit einer Ladung Abraum zwischen den Kiefern ans Tageslicht, die es in einiger Entfernung vom Nest fallen läßt. Doch gewisse der ausgegrabenen Steinchen, bemerkt der alte Mann, finden wegen ihrer flachen Form und ihrer Größe besondere Beachtung. Die Wespe legt sie unmittelbar neben der Öffnung nieder.

Der alte Mann wartet geduldig. Einmal holt er einen Apfel aus seiner Rocktasche und verspeist ihn, während er weiter den Nestbau beobachtet. Einmal gehen zwei Frauen vorbei, Bäuerinnen oder Landarbeiterfrauen aus der Gegend. Sie zeigen auf ihn und flüstern sich kichernd etwas zu. Der alte Mann bemerkt es. Aber er zuckt nicht einmal die Schultern.

Gegen Abend ist das Nest noch nicht fertig. Die Sonne ist weitergewandert, nun liegt es im Schatten. Jetzt sieht der alte Mann, was der Zweck der beiseite gelegten Steinchen ist. Die Wespe wählt eines aus, das etwas größer ist als die Schachtmündung. Sie packt es mit ihren Kiefern und benützt es als vorläufigen Verschluß für ihr noch unvollendetes Werk. Dann fliegt sie fort. Der alte Mann steht langsam auf und folgt ihr mit den Blicken. Anscheinend besucht sie noch ein paar Blumen in der Nachbarschaft, um im letzten Tageslicht ein paar Tropfen Zuckersaft zu schlürfen. ›Wie ein Grubenarbeiter, der sich nach der Plage im Stollen mit einem Abendschoppen stärkt‹, denkt der alte Mann. Er markiert seinen Beobachtungsort mit ein paar Zweigen, die er in die Erde steckt. Dann geht er nach Hause.



Erde

Der Planet wird von Insekten bewohnt. Eine Million Arten oder mehr haben ihn unter sich aufgeteilt, haben eine Million Lebensräume darin gefunden. Haben Wasser, Erde, Luft besiedelt. Weiden, jagen, sammeln, leben als Parasiten auf dem Körper, im Körper anderer Tiere, anderer Insekten. Leben einzeln für sich, paarweise, in kleinen Gruppen, in riesigen, gleichförmigen Schwärmen, in verwickelt zusammengesetzten Staaten. Bauen Nester aus Steinen, Sand, Nadeln, Wachs, Karton, Holz, Blättern, Speichel, Luft. Bringen Pflanzen dazu, fremde Gebilde hervorzubringen, nicht Frucht, nicht Blatt - »Früchte«, die als Samen die Brut der Insekten tragen. Schaffen sich künstliche Körper aus Sand, aus Nadeln, aus Ästchen.

Sie verwandeln sich, leben zwei Leben, manche noch mehr. Einmal als Fresser, Aufspeicherer von Energievorräten, oft langsam, faul, in paradiesischer Überfülle »wie die Made im Speck«, von den Eltern mit allem versorgt, im geschützten, gut verschlossenen Nest, in einer Frucht, in einem Kadaver, unter der Erde, im Innern von Bäumen, in einer Kugel aus Kot. Oder auch als hilfloser Säugling, gefüttert, gereinigt, ins Warme, ins Kühle getragen, umsorgt und beschützt. Oder als gefräßiger, räuberischer Jäger, listig, hungrig.

Dann ein zweites Leben, meist in ganz anderer Gestalt, mit anderem Stoffwechsel, anderer Nahrung, auch ohne Nahrung. Die Nahrung dient nicht mehr dem Aufbau des eigenen Körpers. Jetzt meist geflügelt, beweglich, braucht das Insekt Energie für die Suche nach dem Fortpflanzungspartner, nach dem günstigsten Ort für die Eiablage, für den Nestbau, die Versorgung der Brut mit Vorräten.

Manche überdauern Jahre, vor allem als Larven, manche nur Stunden. Manche verstehen es zu erstarren, Kälte, Trockenheit zu überdauern. Andere begehen, wenn der Winter kommt, massenhaft Selbstmord, fressen die Eier auf, rotten die Maden aus, hungern sich dann zu Tode. Manche werden, wenn die Brut versorgt ist, zu Kannibalen, rotten sich gegenseitig aus. Männchen werden nach der Begattung aus dem Stock geworfen, werden während der Begattung aufgefressen. Weibchen sterben im Moment der Eiablage, dienen den eigenen Maden als erste Nahrung.

Insekten befruchten Blütenpflanzen, fressen Landstriche kahl, säubern den Boden des Planeten von Kot und Kadavern, verbreiten Seuchen, dienen Vögeln, Fischen, Säugern, Spinnen und anderen als Nahrung.

Die Tiere des Planeten folgen zwei großen Entwicklunglinien: Wirbeltiere und Wirbellose. Die Insekten sind der vorläufige Höhepunkt der Entwicklungslinie der Wirbellosen. An der vorläufigen Spitze der anderen Linie steht ein Tier, dessen Individuenanzahl vielleicht ein Hundertmillionstel der Insekten ausmacht. Selbst sein Anteil an der Biomasse des Planeten ist kleiner. Von den Insekten unterscheidet sich dieses Tier fast so sehr wie von den Pflanzen. Die gemeinsamen Vorfahren liegen ganz am Anfang auf dem Stammbaum des Lebens, irgendwo bei den ersten mehrzelligen Organismen. Keine zwei Tiergruppen auf dem Planeten könnten einander fremder sein.

Zeit

Als der alte Mann geboren wurde, waren die Städte klein. Noch lebten fast alle Menschen auf dem Lande. Die erste Lokomotive war schon gebaut. Die erste Eisenbahnlinie wurde erst zwei Jahre später eröffnet. Es gab schon Dampfschiffe. Sie sahen noch aus wie Segler. Sie hatten Masten und Takelage und wurden von Schaufelrädern angetrieben. Die Schiffsschraube wurde erst drei Jahre nach seiner Geburt erfunden. In die Luft aufsteigen konnte man mit Heißluft- und Wasserstoffballons. Den elektrischen Telegraphen gab es noch nicht. Es gab Semaphore, hohe Masten, in Sichtweite voneinander, an deren Enden bewegliche Latten verschiedene Zeichen formen konnten. Es gab schon »Galvanische Batterien«, noch keine Stromgeneratoren. Der elektrische Lichtbogen war entdeckt, elektrische Beleuchtung gab es noch lange nicht. Es gab Spiegelteleskope, Neptun und Pluto waren noch unbekannt.

Die Fabriken wurden mit Dampfmaschinen betrieben, deren Kraft mit Transmissionsriemen auf die einzelnen Werkzeugmaschinen übertragen. Die Maschinen selbst wurden noch von Handwerkern gebaut. Die Fabrikarbeiter lebten in kaum vorstellbarem Elend. Die billigsten Arbeitskräfte waren Kinder, die zwölf Stunden oder mehr an den Maschinen standen. In der Landwirtschaft arbeitete man mit dem Pferd, es gab weder Traktoren noch Kunstdünger oder chemische Schädlingsbekämpfungsmittel.

Napoleon war vor kurzem in der Verbannung gestorben, in Frankreich herrschten wieder die Bourbonenkönige. Der alte königliche Adel, die Geistlichkeit hatten einen Großteil der Privilegien zurückbekommen, die ihnen die Revolution genommen hatte. Zeitungen und Bücher wurden zensuriert, die Schulen standen unter der Aufsicht der Bischöfe. Verschwörer gegen die Krone wurden hingerichtet. Die Bauern hatten das Land behalten, das sie sich in der Revolution erkämpft hatten, doch 1825 wurde ein Gesetz erlassen, nach dem die vor der Revolution geflohenen Emigranten für ihren verlorenen Grundbesitz mit einer Milliarde Franc entschädigt werden sollten.

Das »Gesetz über Gotteslästerung« sah als schwerste Strafe für Vergehen gegen Religion und Kirche die Todesstrafe vor, mit vorausgehendem Abschlagen der rechten Hand.

II

Kienspan

Der alte Mann hieß Jean-Henri Fabre. Er wurde geboren im Jahr 1823, drei Tage vor Weihnachten. Sein Geburtsort Saint-Léons-du-Levezou ist eine kleine Gemeinde im Rouergue, einer bergigen Landschaft im Süden Frankreichs, im Massif Central1.

Sein Vater war Antoine Fabre, Pflüger und Feldhüter, seine Mutter Victorine, geborene Salgues, Tochter des Gerichtsvollziehers von Saint-Léons.

Die Gegend war arm. Die Leute da konnten sich nicht einmal Kerzen oder Lampenöl leisten, man verschaffte sich am Abend ein bißchen Licht von einem Kienspan. Mit einem Stück Schiefer wurde er in eine Mauerritze geklemmt. Im Winter schliefen sie im Stall, sparten Brennholz. Manchmal konnten sie durch den Sturm ganz nah die Wölfe heulen hören.

»In meinem armen Heimatdorf mit dem rauhen Klima und dem kargen Boden, wie konnte man da sein Leben verdienen? Der Besitzer von einigen Morgen Grünland züchtet Schafe. In den fruchtbarsten Ecken seines Grundstücks kratzt er das Erdreich mit einem Pflug ohne Räder auf; terrassenförmig legt er Felder an, die von kleinen Steinmauern abgestützt werden. Körbeweise trägt der Esel Stallmist dort hinauf. Vortrefflich gedeiht fortan die Kartoffel, die, gargekocht und sehr heiß in einem geflochtenen Strohkörbchen serviert, das Hauptnahrungsmittel im Winter darstellt.

Wenn die Ernte den Bedarf des Haushalts übersteigt, wird mit dem Überschuß ein Schwein gefüttert, dieses kostbare Tier, Schatz aus Speck und Schinken. Die Schafherde liefert Butter und dicke Milch; der Garten hat Kohl, Rüben und sogar ein paar Bienenstöcke in gut geschützten Winkeln. Mit solchen Reichtümern kann man der Zukunft ruhig entgegensehen.

Aber wir, wir haben nichts, nichts als das Häuschen, ein Erbe der Mutter, mit einem kleinen Garten daneben.«2

Er verbrachte nur wenige Jahre in Saint-Léons. Als er kaum laufen konnte, wurde er zu den Großeltern gebracht. Der Weiler hieß Malaval3, bestand aus zwei Höfen, voneinander noch durch einen Streifen Wald getrennt. Den einen bewirtschafteten die Eltern des Vaters. Kartoffeln, Roggen und Hafer konnten sie anbauen in dem kargen Hochland, ein paar Kühe, und Schafe halten.

Die Großmutter erzählte den Kindern Märchen, spann dabei. Aber andere Wunder beschäftigten den Kleinen mehr.

Die Welt des Kindes waren die farnbestandenen Waldlichtungen, die Ginsterfelder, die brombeergesäumten Feldwege von Malaval. Schon »als kleines Kerlchen von sechs Jahren, noch im Kleidchen aus grobem Wollstoff«, faszinierten ihn die Flügel eines Schmetterlings, die glänzenden Deckflügel eines Mistkäfers. Es zog ihn »zu den Blumen, zu den Insekten, wie den Kohlweißling zum Kohl und den Fuchs« - nämlich den Schmetterling dieses Namens - »zu den Brennesseln«.

»Eines Tages, die Hände hinterm Rücken, stehe ich da, nachdenkliches Kerlchen, zur Sonne gewandt. Der blendende Schein fasziniert mich. Ich bin der Nachtfalter, den das Licht der Lampe anzieht. Ist es mit dem Mund, oder ist es mit den Augen, daß ich den strahlenden Glanz wahrnehme?

Solcherart ist die Fragestellung meiner erwachenden wissenschaftlichen Neugier. Lache nicht, Leser: Der zukünftige Beobachter übt sich bereits, experimentiert. Ich öffne ganz weit den Mund und schließe die Augen. Der Glanz verschwindet. Ich öffne die Augen und der Glanz erscheint wieder. Ich beginne noch einmal. Selbes Ergebnis. Es ist geschafft: Ich weiß ganz sicher, daß ich die Sonne mit meinen Augen sehe. O schöne Erkenntnis! Am Abend teile ich sie dem Haushalt mit. Die Großmutter lächelt sanft über meine Naivität. Die anderen lachen. So geht die Welt.«

Zwei Jahre nach dem Erstgeborenen kam sein Bruder Frédéric zur Welt. Sie waren gegensätzlich, sollten dennoch gute Freunde bleiben. Frédéric interessierte sich für Geschäfte und Verwaltungsangelegenheiten. Der Ältere begeisterte sich für Wissenschaft und Poesie.

Esel

Als der Bub sieben Jahre alt war, holten ihn seine Eltern zurück nach Saint-Léons, damit er in die Schule gehen konnte. Schule hielt sein Taufpate.

Klassenzimmer war das Wohn-, Schlaf- und Eßzimmer des Lehrers und seiner Frau. Nur einen weiteren Raum hatte das Lehrerhaus. Zu dem kletterte man über eine Leiter hinauf, er war Heuboden und Vorratskammer. Waren unten die Vorder- und Hintertüre geschlossen, war ein niedriges Fenster die einzige Lichtquelle. Unterm Fenster saßen die Großen an dem einzigen Tisch, die Kleinen auf einer Bank um den Herd herum, auf dem den ganzen Tag das Futter für die Schweine kochte.

»Die Wagemutigsten unter uns fischten sich, wenn der Lehrer einmal wegschaute, mit ihrem Messer eine gargekochte Kartoffel heraus und aßen sie zu ihrem Stück Brot; denn es muß gesagt werden: Wenn in meiner Schule auch nicht viel gearbeitet wurde, so wurde doch wenigstens viel gegessen. Es war üblich, ein paar Nüsse zu knacken, seine Brotkante zu knabbern, während man eine Seite vollschrieb oder Zahlen aneinanderreihte.«

Die Hintertür führte auf den Hühnerhof. Die Kinder ließen sie listig offenstehen, dann dauerte es nicht lange, bis die Ferkel, die dort auch ihren Auslauf hatten, vom Geruch des kochenden Schweinefutters angelockt wurden und ins Schulzimmer eindrangen.

»Sie kamen grunzend dahergetrippelt, mit fein geringelten Schwänzchen; sie strichen an unseren Beinen entlang; mit ihrer rosigen frischen Schweineschnauze schnüffelten sie in unseren Händen, um den Rest eines Brotes zu erwischen; mit ihren kleinen wachen Augen schauten sie uns fragend an, um herauszufinden, ob in unseren Taschen nicht doch noch eine getrocknete Kastanie für sie steckte. Nachdem sie ihre Runde gedreht und dabei hier ein bißchen, dort ein bißchen ergattert hatten, kehrten sie auf den Hof zurück, liebevoll verjagt vom Taschentuch des Lehrers.«

Der Lehrstoff war karg.

»Reden wir zuerst einmal von den Kleinen, zu denen auch ich zählte. Ein jedes von uns hielt, oder besser hätte eigentlich ein kleines Buch für zwei Sous in der Hand halten sollen: das Alphabet, gedruckt auf graues Papier. Das begann zunächst mit dem Buchdeckel, auf dem eine Taube oder so etwas zu sehen war. Danach kam ein Kreuz, und dann die Buchstabenreihe. Hatten wir diese erste Seite umgeblättert, so stand da das schreckliche ›ba, be, bi, bo, bu‹, für die meisten von uns die schlimmste Klippe. Und wenn wir dieses gefürchtete Blatt hinter uns gebracht hatten, wurde von uns erwartet, daß wir lesen konnten, und wir gehörten zu den Großen.

Doch damit wir dieses kleine Buch hätten richtig benutzen können, hätte sich der Lehrer wenigstens ein bißchen mit uns beschäftigen und uns zeigen müssen, wie wir das anfangen sollten. Dazu fehlte dem guten Mann aber die Zeit, denn er wurde von den Großen viel zu sehr in Anspruch genommen. Das Taubenalphabet gab man uns einzig und allein auf, damit wir den Anschein erweckten, Schüler zu sein. Auf unserer Bank sitzend, mußten wir uns damit beschäftigen, es mit Hilfe des Nachbarn zu entziffern, falls dieser zufällig schon einige Buchstaben mehr kannte.«

Hauptbeschäftigung des Lehrers war, die Gänse- oder Truthahnfedern anzuspitzen, mit denen geschrieben wurde. Danach schrieb er die Buchstaben oder Wörter vor, die die Schüler nachmalen mußten. Wenn er so eine Zeile vorgeschrieben hatte, folgte sein Meisterstück: eine Girlande aus Ringen, Spiralen und Korkenzieherlocken, die einen Vogel mit ausgebreiteten Schwingen umrahmte, alles in einem einzigen Strich. Auf diesem Kunststück beruhte seine Autorität bei Schülern und Eltern.

»Was wurde in meiner Schule gelesen? - Auf französisch bestenfalls einige Kapitel aus der biblischen Geschichte. Latein kam öfter vor, damit wir die Nachmittagsvesper singen konnten, wie sich das gehörte. Die Fortgeschrittenen unter uns versuchten, ein Manuskript zu entziffern: die ›Verkaufsakte‹, unverständliches wirres Geschreibsel irgendeines Dorfnotars.

Und Geschichte, Geographie? - Keiner von uns hat je etwas darüber gehört. Was kümmerte es uns schon, ob die Erde nun rund war oder würfelförmig! An der Mühsal, sie etwas hervorbringen zu lassen, änderte das doch nichts.

Und Grammatik? - Der Lehrer kümmerte sich so gut wie gar nicht darum - und wir erst recht nicht. Substantiv, Indikativ, Konjunktiv und andere Begriffe aus der Sprache der Grammatik hätten uns durch ihre ungewohnten und wenig zugänglichen Wendungen mehr als verwirrt. Die Vervollkommnung der geschriebenen und gesprochenen Sprache sollten wir durch den Gebrauch erreichen. Außerdem quälten keinen von uns in dieser Hinsicht irgendwelche Skrupel. Wozu auch alles verfeinern, wenn wir nach Beendigung der Schule doch wieder zu unserer Schafherde zurückkehren sollten!

Und Arithmetik? - Ja, wir hatten etwas Unterricht darin, aber nicht unter diesem gelehrten Namen. Das hieß bei uns einfach Rechnen. Nicht zu lange Zahlen niederschreiben, sie zusammenzählen, sie voneinander abziehen, das war uns durchaus geläufig. Am Samstagabend zum Abschluß der Woche hieß es dann für alle ›Klar zum Gefecht‹ im Rechnen. Der Beste stand auf und sagte aus dem kleinen Buch mit donnernder Stimme das erste Dutzend Multiplikationen auf. Ich sage Dutzend, denn damals war es im Hinblick auf unsere alten Duodezimalmaße üblich, die Multiplikationstafel bis auf zwölf auszudehnen.

War der Abschnitt vollendet, wiederholte ihn die ganze Klasse, auch die Kleinen, mit lautem Getöse im Chor, so daß Küken und Ferkel die Flucht ergriffen, wenn sie sich zufällig im Raum befanden. Und das ging so weiter bis zwölf mal zwölf (...).«

Der Dorfschulmeister war nicht nur Lehrer. Er war Gutsverwalter für den Eigentümer des Schlosses, er war Barbier, Glöckner. Bei Hochzeiten, Taufen fiel die Schule aus. Auch wenn Gewitter drohte: Dann mußten die Glocken geläutet werden, um Blitz und Hagel fernzuhalten. Der Lehrer war Vorsänger im Kirchenchor, zog die Turmuhr auf, stellte sie: nach dem Sonnenstand.

Wenn der Lehrer für den Gutseigentümer die Heuernte, das Apfelpflücken, die Nuß- oder Haferernte zu leiten hatte, durften die Schüler helfen. Der Unterricht fand eigentlich nur im Winter statt. Dann war es in der Schule - im Gegensatz zu den Wohnungen vieler Schüler - warm. Freilich mußte jeder Schüler jeden Tag ein Holzscheit mitbringen, damit der Herd geheizt werden konnte.

Lesen und schreiben lernte der Bub lange nicht. Die Taube auf dem Deckel der Fibel interessierte ihn mehr als die Buchstaben drinnen. Im Sommer, wenn der »Unterricht« im Freien stattfand, gab es für ihn Wichtigeres. Der Schulmeister führte die Kinder an die Buchsbaumhecken, wo sie die Schnecken zertreten sollten. Da sammelte der Bub die gelben, hellroten, weißen und braunen Schnecken mit den schwarzen Bändern, die sich wie Spiralen um das Gehäuse wanden, und steckte sie in die Tasche. Er lockte die Bachkrebse aus ihren Höhlen heraus, mit einem Frosch als Köder, den er auf ein angespitztes Stöckchen gesteckt hatte. Auf den Erlen fing er azurblaue Erlenblattkäfer. Er pflückte Narzissen und fand heraus, daß man auf dem Grund des Blütenkelches ein Tröpfchen Honig finden konnte, aber auch, daß man Kopfschmerzen bekam, wenn man zuviel davon kostete.

Aber das Lesen? »Da war ich, immer noch unerfahren in dem störrischen Alphabet, als mein Vater, einer zufälligen Eingebung folgend, mir aus der Stadt genau das mitbrachte, was mich auf dem Weg zum Lesen beflügeln sollte. Obwohl diese Anschaffung eine so wichtige Rolle in meinem geistigen Erwachen spielte, war sie keine große finanzielle Belastung. O nein! Es war ein großer Bilderbogen für sechs Heller, farbig und in Felder eingeteilt, in denen allerhand Tiere mit den Anfangsbuchstaben ihrer Namen mir jeweils die einzelnen Buchstaben des Alphabets beibringen sollten.(...)

Es fing an mit l'âne, dem Esel, dem heiligen Tier: Sein Name mit dem großen Anfangsbuchstaben lehrte mich das A. Le bœuf, der Ochse, brachte mir das B bei, le canard, die Ente, führte mich in das C ein, le dindon, der Truthahn, schlug das D an. Und so auch die anderen. Einigen Feldern allerdings mangelte es an Klarheit. Ich konnte mich nicht mit dem hippopotame, dem Nilpferd, dem kamichi, dem Straußenvogel, und dem zébu, dem Zebu, anfreunden, die mir H, K, Z einprägen sollten. Diese fremden Tiere, die den abstrakten Begriff des Buchstabens nicht durch eine lebendige bekannte Wirklichkeit erhellten, ließen mich eine Zeitlang unschlüssig vor den widerspenstigen Konsonanten zaudern.«

Da ihm der Vater half, konnte der Bub binnen weniger Tage sein Taubenbuch entziffern.

»Heute kann ich mir diesen unverhofften Fortschritt wohl erklären. Das aufschlußreiche Bild, das mich mit den Tieren zusammenbrachte, stimmte mit meinen natürlichen Neigungen überein.«

Noch ein zweites Mal hatte der Bub Glück: Als Belohnung für seine Fortschritte bekam er die Fabeln von La Fontaine geschenkt. Rabe, Fuchs und Wolf waren alte Bekannte für ihn, die Geschichten von sprechenden Tieren waren das, was ihn interessierte. Schnell lernte er nun die Buchstaben zu Silben, die Silben zu Wörtern aneinanderzureihen.

Kristalle

Das Kind mußte bald seine erste Arbeit übernehmen. Die Eltern wollten Enten halten. Die ließen sich in der Stadt gut verkaufen, das Futter für sie war billig. Im Dorf gab es einen, der aus Rinderfett Talg für Kerzen schmolz. Mit den Abfällen, behauptete er, ließen sich besonders gut Enten mästen. Er gab sie auch billig ab.

Die Enten hüten, zum Wasser treiben, sollte das Kind.

»Ein paar Monate später waren die kleinen Küken meiner Träume Wirklichkeit geworden, und zwar vierundzwanzig an der Zahl. Ausgebrütet hatten sie zwei Hennen, eine dicke schwarze, die uns gehörte, und eine andere, die wir uns von einer Nachbarin ausgeliehen hatten.

Um sie aufzuziehen, genügt die erste, so besorgt kümmert sie sich um ihre Adoptivfamilie. Zunächst geht alles nach Wunsch: Ein Kübel mit zwei Finger hoch Wasser dient als Ententeich. An sonnigen Tagen baden die Entenküken darin, ängstlich beobachtet von der Henne.

Nach zwei Wochen reicht der Kübel nicht mehr. Es gibt darin weder Kresse, in der winzige Muscheltierchen wohnen, noch Herrlichkeiten wie Würmer und Kaulquappen. Nun sind sie auch so weit, daß sie tauchen und im Gestrüpp der Wasserpflanzen wühlen wollen; und damit fangen für uns die Schwierigkeiten an.«

Denn beim Haus gibt es nicht genug Wasser. Im Sommer hat die Familie kaum genug für sich selbst.

»In der Nähe unseres Hauses, unter einer aus Steinen gemauerten Höhlung, sickert eine dürftige Quelle aus dem Grund einer in den Fels gehauenen Mulde. Vier oder fünf Familien schöpfen dort mit kupfernen Eimern ihr Wasser. Wenn dann noch die Eselin des Schulmeisters getränkt worden ist und sich die Nachbarschaft ihren Tagesbedarf geholt hat, ist die Mulde trocken. Vierundzwanzig Stunden dauert es, bis sie sich wieder gefüllt hat.«

Also muß der Bub die Enten zum Bach hinunter treiben.

»Der Weg über die Hügel, der hinter dem Herrenhaus vorbeiführt, biegt sehr bald unvermittelt ab und wird am Rand der Wiese etwas breiter. Er windet sich an einem felsigen Hang entlang weiter, wo sich von der Bergterrasse herab ein dünnes Rinnsal ergießt, das aus einem ziemlich großen Tümpel entspringt. Dort herrscht den ganzen Tag über tiefe Einsamkeit. Dort werden die jungen Enten gut aufgehoben sein und ungehindert auf sicheren Wegen ans Ziel kommen.«

Wochenlang hat das Kind sich auf den ersten Ausgang mit seinen Enten gefreut. Und gerade an diesem Tag hat es eine schmerzhafte Blase an der Ferse. Die Schuhe werden für Sonn- und Feiertage aufgespart.

»Die Gerte schwingend, humple ich hinter den Enten her. Auch sie, die armen Kleinen, haben empfindliche Füße; sie hinken, piepsen, sind bald erschöpft. Sie würden sich weigern, noch weiter zu gehen, wenn wir nicht hin und wieder im Schutz einer Esche einen Halt einlegten.

Endlich sind wir angelangt. Der Ort ist für meine Kleinen wie geschaffen: nicht sehr tiefes lauwarmes Wasser, von winzigen Schlammhügeln, kleinen grünen Inseln durchsetzt. Und schon beginnt das vergnügte Baden. Die jungen Enten klappern mit den Schnäbeln und stöbern überall herum; sie sieben Schluck für Schluck, geben die klare Brühe wieder ab und behalten nur die guten Brocken. In den tieferen Lachen strecken sie die Bürzel in die Höhe und wühlen auf dem Grund des Wassers im Schlamm. Sie sind glücklich, und es ist eine Wonne, ihnen bei der Arbeit zuzuschauen. Doch nun überlassen wir sie sich selbst. Jetzt bin ich dran, den Tümpel zu genießen.

Was ist denn das da? Auf dem Schlamm liegen schlaffe, verknotete rußfarbene Schnüre herum. Man könnte sie für Wollfäden von einem alten aufgetrennten Strumpf halten. Hat hier etwa eine Schäferin schwarze Socken gestrickt, ihr Werk für mißlungen befunden und die ganze Arbeit von neuem begonnen, nicht ohne vorher zornig den durch die Nadeln wellig gewordenen Faden wegzuwerfen? Es sieht beinahe so aus.

Ich fische mit der Hand ein paar solcher Schnüre heraus. Sie sind klebrig, ganz weich, glitschig, rutschen mir immer wieder zwischen den Fingern hindurch. Einige Knoten platzen auf und ergießen ihren Inhalt in meine Hand. Heraus kommt ein kleines schwarzes, vielleicht stecknadelkopfgroßes Kügelchen mit einem platten Schwanz. Ich erkenne, wenn auch winzig klein, etwas, was mir schon vertraut ist: die Kaulquappe aus der Familie der Kröten. Das genügt mir. Um diese knotigen kleinen Kugeln brauchen wir uns nicht länger zu kümmern.

Diese Wesen hier gefallen mir schon besser: An der Oberfläche des Wassers drehen sie sich im Kreis, und ihr schwarzer Stachel leuchtet in der Sonne auf. Wenn ich die Hand ausstrecke, um sie einzufangen, sind alle sofort verschwunden, wohin, weiß ich nicht. Schade, ich möchte sie gerne aus der Nähe anschauen und in einem kleinen, eigens für sie vorbereiteten Becken tanzen lassen.

Schauen wir einmal bis auf den Grund des Wassers, nachdem wir vorher die Klumpen von grünem Flachs entfernt haben, an dem Luftbläschen wie Perlen hochsteigen, um sich als Schaum an der Oberfläche zu sammeln. Dort unten gibt es alles. Ich sehe hübsche Muscheln, dicht gedrängt und flachgedrückt wie Linsen; ich bemerke kleine Würmer, die Federbüsche, Quasten tragen; ich entdecke andere, die sich ständig auf dem Rücken fortbewegen. Was treiben sie dort alle? Wie heißen sie? Ich weiß es nicht. Und lange schaue ich ihnen zu, wie gebannt von dem mir unbegreiflichen Geheimnis des Gewässers.«

Was immer er sieht, muß der Bub untersuchen. Einen blauglänzenden Mistkäfer steckt er in ein leeres Schneckenhaus, das er mit Blättern verstopft, um ihn mit nach Hause zu nehmen. Aus zwei Strohhalmen und einem Ast bastelt er eine Mühle, aus Steinen einen Damm. Als er Steine zerschlägt, um passende Stücke für seinen Damm zu bekommen, findet er einen Schatz: kleine bunte Kristalle im Innern eines hohlen Steinbrockens: »Ich zerkleinere noch mehr Steine. Sieh da! Was für ein einzigartiges Gebilde ist denn da gerade in einem Stück herausgefallen! Es ist spiralenförmig wie bestimmte flache Schnecken, die bei Regen aus den Spalten alter Mauern kriechen. Mit seinen knotigen Rippen erinnert es mich an ein kleines Widderhorn. Muschel oder Horn eines Schafbocks? Höchst seltsam! Wie kommt so etwas mitten in einen Stein hinein?

Meine Taschen sind prall von steinernen Merkwürdigkeiten und Schätzen. Es wird spät, und die jungen Enten sind gesättigt. Auf, auf, meine Kleinen, auf nach Hause. Vor so viel Freude habe ich auch die Blase an meiner Ferse ganz vergessen.

Der Rückweg ist ein einziges Fest. Eine innere Stimme verzaubert mich, unübersetzbar, sanfter als die Sprache und so rätselhaft wie der Traum. Sie erzählt mir zum ersten Mal von den Wundern des Tümpels; sie preist das himmlische Insekt, das ich in dem Schneckenhaus, seinem zeitweiligen Käfig, rascheln höre; sie erzählt flüsternd von den Geheimnissen des Felsens, dem Goldstaub, den Rautenjuwelen, dem versteinerten Widderhorn.«

Als das Kind nach Hause kam, geschah ihm, was Kindern zu oft geschieht.

» ›Du bist mir einer‹, schimpft der Vater erbost beim Anblick des Schadens, ›ich schicke dich Enten hüten, und du vertreibst dir die Zeit damit, Steine zu sammeln, als ob wir rund um das Haus nicht genug davon hätten! Schnell! Wirf gleich die Steine weg!‹

Ich gehorche, untröstlich. Diamanten, Goldstaub, das versteinerte kleine Horn, der Paradieskäfer, alles landet auf dem Misthaufen vor der Tür.

Die Mutter jammert Weh und Ach: ›Kinder aufziehen, und dann sehen müssen, daß sie mißraten sind! Der Kummer mit dir bringt mich noch ins Grab. Gräser und Pflanzen, das geht ja noch, die sind wenigstens für die Kaninchen gut. Aber die Steine, die dir die Taschen zerreißen; die Tiere, die dir mit ihrem Gift die Hände verletzen, was willst du bloß damit anfangen, du Einfaltspinsel! Das kann doch alles nicht wahr sein; jemand muß dich behext haben!‹«

Ein einziges solches Erlebnis kann genügen, einem Kind den Wissensdurst für immer auszutreiben. Schock und Trauer über den Zorn der Eltern werden vergessen, verdrängt, und eines Tages wird den eigenen Kindern dasselbe angetan.

Der Bub hatte Glück, war stark genug.

Im Rückblick brachte der alte Mann Nachsicht auf für seine Eltern, fand auch den Grund für ihr Verhalten, für den Vorgang, der es möglich macht, Generationen von Armen und Unwissenden in Armut und Unwissenheit zu halten.

»In Eurer schlichten Denkweise, arme Mutter, wart Ihr sicher im Recht: Mir war ein schlechtes Los bestimmt, heute weiß ich das. Wenn es schon so mühsam ist, sein tägliches Brot zu verdienen, wozu dann den Verstand läutern? Am Ende nur, um noch größeres Leid auf sich zu laden? Was nützen alle Mühe und Pein des Lernens jenen, denen im Leben Schiffbruch vorherbestimmt ist! (...) Wir, die wir zu den armen Leuten gehören, sollten uns vor den Freuden des Wissens hüten. Unbeirrt sollten wir lieber mit unserer Pflugschar Furchen auf den Feldern des Trivialen ziehen, die Versuchungen des Tümpels aber sollten wir meiden! Hüten wir die Enten, und überlassen wir anderen, den vom Schicksal Begünstigten, die Mühsal, das Weltall zu erklären, wenn sie Lust dazu haben.«

Wer arm ist, muß von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang schuften wie eine Maschine, um das Armeleuteleben bewältigen zu können. Sehnsucht nach Höherem läßt das Armeleuteleben nur noch schwerer ertragen. Wer beim Tümpel liegt, die Wasserflöhe beobachtet, statt seinen Kartoffelacker umzugraben, wird im Winter hungern. Der Wissensdurst muß gebrochen werden, so früh wie möglich. Die Eltern brauchen darüber nicht lange nachzudenken, sie sind selbst so erzogen worden. Wessen Wissensdurst sich nicht hat brechen lassen, der hat vielleicht die Möglichkeit gehabt, aus dem Armeleutedasein auszubrechen, ist vielleicht ein Rebell geworden. Doch mit größerer Wahrscheinlichkeit ist er - ist sie - als Außenseiter verkommen.

Darf man sich aber damit abfinden? »Nein und noch einmal nein! - Von allen Lebewesen hat allein der Mensch das Bedürfnis nach Wissen; nur er fragt nach den Geheimnissen der Dinge auf dieser Welt. Auch der Geringste unter uns stellt sich Fragen, hat Zweifel, die dem Tier unbekannt sind. Wenn sie sich nachdrücklicher melden, gebieterischer zu wissen verlangen, wenn sie uns vom Gewinnstreben, dem einzigen Lebensziel in den Augen der meisten Menschen, ablenken, dürfen wir uns dann wirklich darüber beklagen? Hüten wir uns; das hieße, die beste unserer Fähigkeiten leugnen.

Im Gegenteil, wir wollen uns je nach unseren Kräften bemühen, auf das unermeßlich große Unbekannte einen kleinen Schimmer Licht fallen zu lassen; wir wollen prüfen, Fragen stellen, hier und da der Wahrheit ein paar winzige Bruchstücke entreißen. Am Ende werden wir dieser Mühsal erliegen; in einer so unvollkommen abgestimmten Gesellschaft werden wir zum Schluß zugrunde gehen. Trotzdem sollten wir unbeirrt weitermachen; es wird uns ein Trost sein, wenn es uns gelingt, den Umfang des Bekannten, den unermeßlichen Schatz der Menschheit, zu vergrößern - und sei es auch nur um ein winziges Atom.«

Drachenzähne

Die Familie übersiedelte nach Rodez, der Hauptstadt des Départements. Der Vater wollte sein Glück mit einem Café versuchen.

Der Bub - nun zehn Jahre alt - kam ins collège royale4 . Das Schulgeld wurde ihm erlassen, er diente dafür in der Kapelle der Lehranstalt als Chorknabe. Latein und Griechisch waren die wichtigsten Fächer.

Übersetzen fiel dem Knaben leicht. Doch die blutrünstigen Beschreibungen von Schlachten und kriegerischen Heldentaten bestürzten ihn, begeisterten ihn nicht.

»Es war von Cynegirus die Rede, dem Mann mit den starken Kinnladen, der, nachdem er in der Schlacht beide Hände verloren hatte, sich doch noch eine persische Galeere schnappte und sie mit den Zähnen festhielt. Berichtet wurde auch von dem Phönizier Kadmos, der Drachenzähne anstatt Saubohnen pflanzte und eine Armee von Haudegen erntete, die sich gegenseitig umbrachten, je weiter sie aus dem Boden herauswuchsen. Das Blutbad überlebte einzig ein besonders Hartgesottener, offensichtlich der Sohn des großen hinteren Backenzahns.«

Der Schüler hielt sich weiter an die Tiere. An die im freien Feld, wo er sich zumindest jeden Sonntag und Donnerstag herumtreiben konnte, und an die in der Literatur. Am Vergil begeisterten ihn die Stellen, wo von der Biene, der Zikade, der Turteltaube, der Krähe, der Ziege, dem Goldregen berichtet wurde. »Über Wiesen und Felder in wohlklingenden Versen zu lesen, war ein wahrer Festschmaus für mich; Auch sonst hat der lateinische Dichter in meinen klassischen Erinnerungen nachhaltige Spuren hinterlassen.«

Grammatik

Vier Jahre verbrachte die Familie in Rodez. Dann zog sie weiter nach Aurillac, später nach Toulouse. Der Vater wollte es wieder mit einem Café versuchen.

In Toulouse wurde der Junge gratis ins Priesterseminar aufgenommen. Die fünfte Klasse konnte er abschließen, dann zog die Familie wieder um. Diesmal nach Montpellier.

Der Heranwachsende interessierte sich für ein Medizinstudium. Da es an Geld fehlte, mußte er alle Studien beenden, selbst welches verdienen.

Er verkaufte Zitronen auf dem Markt von Beaucaire. Er fand Arbeit beim Bau der Eisenbahnlinie Beaucaire-Nîmes. Manchmal gab er sein letztes Geld für ein Gedichtbändchen aus. Den Hunger stillte er mit Versen und ein paar heimlich abgepflückten Weintrauben.

In dieser Zeit schlimmster Armut beteiligte er sich an einem Wettbewerb um ein Stipendium für die Lehrerbildungsanstalt in Avignon. Er schaffte auf Anhieb den ersten Platz.

»In dieser Zeit, wo die Bildung noch so zaghaft zu den unteren Klassen hinabstieg, war der Unterricht an den Lehrerbildungsanstalten mehr als summarisch. Orthographie, Arithmetik und Geometrie waren praktisch der gesamte Stoff. Was die Naturgeschichte betrifft, diese arme, verachtete, fast unbekannte Wissenschaft, so kümmerte sich niemand um sie, befaßte sich niemand mit ihr und, da sie nirgends hinführte, ignorierten die Lehrpläne sie«, schrieb Legros, sein späterer Biograph.

Der alte Mann selbst drückte es in fünf Worten aus: »Die Grammatik erstickte das Leben.«

Während um ihn herum Diktate zerpflückt wurden, untersuchte der Student im Dunkel seines Pults den Stachel einer Wespe, die Frucht eines Rosenlorbeers.

Seine erste Zeit an der Lehrerbildungsanstalt war nicht sehr erfolgreich. In der Mitte des zweiten Jahres beschrieb ihn sein Semesterzeugnis als faul, als unzureichenden Schüler von mittelmäßiger Intelligenz. Zutiefst getroffen erbat er sich die Gnade, während des verbleibenden Semesters dem Kurs des dritten Jahres folgen zu dürfen, errang mit einem Gewaltakt am Ende des Jahres sein Zeugnis.

Den regulären Studien ein Jahr voraus, konnte er sich freier seinen Interessen widmen.

Er lernte Griechisch mit einer zweisprachigen Ausgabe der »Nachfolge Christi«5, indem er anhand der lateinischen Version die griechische entzifferte. Diese Methode, Sprachen zu lernen, empfahl er seinem Bruder.

»Nimm den Vergil, ein Wörterbuch und eine Grammatik und übersetze immer und immer vom Lateinischen ins Französische. Um eine gute Übersetzung zustande zu bringen, genügt der gesunde Menschenverstand und sehr wenige grammatische Kenntnisse oder anderes pedantisches Zubehör. (...) Stell dir eine alte Inschrift vor, die schon zur Hälfte ausgelöscht ist: Dein gesundes Urteil liefert dir zum Teil die fehlenden Wörter, und der Sinn findet sich, als ob das Ganze noch lesbar wäre. Das Lateinische ist für dich die alte Inschrift: Nur der Wortstamm ist leserlich, der Schleier einer fremden Sprache verdeckt die Bedeutung der Endungen, du verfügst nur über die Hälfte der Wörter, aber der gesunde Menschenverstand ist da, und daraus zieht man seinen Nutzen.«

Der Student machte seine erste Bekanntschaft mit der Chemie. Der Professor der Naturwissenschaften »hatte die gute Idee, das Ende des Schuljahres mit einer gelehrten Festlichkeit zu begehen. Es versprach, uns den Sauerstoff zu zeigen.«

Der Versuch in einem mittelalterlich anmutenden Laboratorium endete mit einer Katastrophe. Mittels Schwefelsäure sollte der Sauerstoff aus Mangansuperoxid gewonnen werden. Die erhitzte Retorte zersprang, ein Mitschüler bekam Schwefelsäure ins Auge, wurde von Fabre zum Brunnen gezerrt, gewaschen, gerettet.

»Trotzdem: diese unglückliche Lektion war für mich ein Erlebnis von großer Bedeutung: Ich war im Labor des Chemikers gewesen, hatte seine Einrichtung gesehen, einen flüchtigen Blick auf sein Instrumentarium werfen können. Im Unterricht ist nicht das entscheidend, was gelehrt, was mehr oder weniger gut verstanden wird, sondern das, was die schlafenden Fähigkeiten des Schülers weckt, der Zündfunke, der die verborgenen Explosivkräfte auslöst. In meinem Verstand hatte der Funke gezündet. Eines Tages würde ich selbst diesen Sauerstoff herstellen, den zu sehen mir das Unglück heute verwehrt hatte. Eines Tages würde ich Chemie lernen, auch ohne Lehrer.«

III

Sauerstoff

Neunzehn Jahre alt, erhielt der junge Mann sein Diplom. Ans collège von Carpentras war eine Primarschule angeschlossen, dort bekam er seine erste Stelle.

Lehrer waren schlecht bezahlt. 700 Franc jährlich verdiente der junge Lehrer. Das reichte gerade für Kichererbsen und ein bißchen Wein. Auch durften Lehrer keine Pension erwarten. Sie mußten bis ins hohe Alter arbeiten, und wenn sich im Alter die Krankheiten einstellten, dann »erwartete sie nicht nur die Armut, sondern oft das schwärzeste Elend«.

Etwas später wurde den Lehrern eine Altersrente in Aussicht gestellt, die allerdings höchsten 60 Franc betrug. Erst Duruy, Unterrichtsminister unter Napoleon III., verbesserte die Lage der Grundschullehrer und die Grundschulausbildung.

Das Leben in der Schule war klösterlich.

»Jeder Lehrer bewohnte zwei Zellen, denn für eine bescheidene Vergütung waren die meisten in dem Etablissement untergebracht und aßen gemeinschaftlich am Tisch des Prinzipals.«

»Eine seltsame Schule, bei Gott, trotz der pompösen Bezeichung ›Höhere Schule‹. Eine Art weitläufiger Keller, Feuchtigkeit ausschwitzend, die von einem außen an der Straßenfront angebauten Brunnen herrührte. Als Quelle von Tageslicht die offene Tür, wenn die Jahreszeit es erlaubte, und ein schmales Gefängnisfenster mit Gitterstäben davor und kleinen, in Blei eingefaßten gläsernen Rauten. Rundum als Sitzgelegenheit ein in die Wand eingelassenes Brett, in der Mitte ein Stuhl, seiner Strohbespannung beraubt, eine schwarze Tafel und ein Stück Kreide.«

Und die Schüler: »Schmutzig, grob, ein Haufen von fünfzig Straßenjungen, Kinder oder große Buben«, Nichtsnutze, mit denen er sich in den Haaren lag, aber denen er auch imponierte, die ihm zuhörten, ihn respektierten, weil er doch immer die richtigen Worte fand, um sie zu begeistern.

Das erste Jahr war mühsam. Zu viele Schüler waren in der Klasse, die meisten waren hier, weil sie in Latein versagt hatten. Auch ihr Ausbildungsstand im Französischen war höchst unterschiedlich.

Im zweiten Jahr wurde seine Klasse geteilt, er bekam Bewegungsfreiheit. Kein Lehrplan schrieb ihm vor, was er zu tun hatte. Es zählte der gute Wille des Lehrers.

»Was aber konnte man tun, um die Bezeichnung ›Höhere Primarschule‹ zu rechtfertigen? Bei Gott, unter anderem natürlich Chemie lehren.«

Der junge Lehrer erwog die Bedürfnisse seiner Schüler.

»Viele meiner Schüler kommen vom Lande. Sie werden dahin zurückkehren und ihre Äcker bearbeiten. Zeigen wir ihnen also, woraus der Boden besteht und wovon die Pflanze sich ernährt. Andere werden sich den Gewerben zuwenden, als Gerber, Metallgießer, Schnapsbrenner, Krämer von Seife und Sardellenfäßchen. Erklären wir ihnen das Pökeln, die Seifensiederei, das Brennen, das Gerben.«

Der Schulleiter, Philologe, verstand nicht einmal, was der junge Lehrer wollte. Der überzeugte ihn schließlich mit dem Argument, daß gerade seine Primarschüler als Kostgänger besonders viel einbrächten. Daher müßte ihnen etwas geboten werden, müßten sie angelockt, ihre Zahl vergrößert werden.

Der Lehrer war zugleich Student. Von Stunde zu Stunde lernte er erst, was er seine Schüler lehren wollte. Mehr noch als die Schüler war der Lehrer auf den Ausgang der Experimente gespannt.

»Zwei Uhr: die Schüler betreten die Klasse. Absichtlich übertreibe ich die Gefahren des Versuchs. Jeder soll an seinen Platz gehen und dort bleiben. Man läßt es sich gesagt sein. Ich habe die Ellbogen frei. Niemand steht bei mir, nur mein Gehilfe, der mir im entscheidenden Augenblick helfen soll. Jeder blickt gespannt, voll Ehrfurcht im Angesicht des Unbekannten. Tiefe Stille herrscht.

Bald hören wir das Glucksen der Luftbläschen, die durch das Wasser der Glocke aufsteigen. Sollte das schon mein Gas sein? Mir klopft das Herz vor Aufregung. Habe ich es auf den ersten Anhieb geschafft? Wir wollen sehen. Eine gerade erst gelöschte Kerze, deren Docht noch einen roten Glutfunken bewahrt, wird an einem Draht in ein Reagenzglas hinuntergelassen, das mit meinem Erzeugnis angefüllt ist. Ausgezeichnet! Mit einem kleinen Knall entzündet sich die Kerze wieder und brennt mit außergewöhnlicher Helligkeit. Das ist tatsächlich der Sauerstoff!«

Auch die Fortsetzung des Versuchs gelang. Im reinen Sauerstoff ließ sich eine stählerne Uhrfeder verbrennen.

»Diese glühenden metallenen Tränen lassen uns alle erschauern. Man trampelt, ruft, klatscht Beifall. Die Ängstlichen legen die Hände über die Augen und wagen nur noch, durch die gespreizten Finger zu lugen. Mein Auditorium jauchzt, ich selbst frohlocke. Nicht wahr, Freunde, die Chemie ist etwas Großartiges?«

Der junge Lehrer war stolz. Er konnte sich vertrauen.

Es folgte der Wasserstoff. Beeindruckende Knallgas-Explosionen. Phosphor, Chlor, Schwefel, Kohle.

»Die Sache sprach sich herum. Neue Schüler stellten sich ein, angezogen von der Besonderheit der Schule. Im Speisesaal mußten ein paar neue Gedecke aufgelegt werden, und der Rektor, der mehr um Erbsen und Speck als um die Chemie besorgt war, beglückwünschte mich wegen der wachsenden Zahl seiner Kostgänger. Meine Laufbahn hatte begonnen. Die Zeit und ein unbeugsamer Wille würden das Weitere bringen.«

Algebra

Seinem Bruder schrieb er: »Wenn Dich etwas in Verlegenheit bringt, mißbrauche nicht die Hilfe Deiner Kollegen; mit fremder Hilfe wird die Schwierigkeit nur umgangen; mit Geduld und Überlegung überrennst Du sie. Überdies weiß man nur das gut, was man selbst lernt, und ich rate Dir dringend, habe, soweit es möglich ist, und besonders in den Wissenschaften, keine andere Hilfe als die Überlegung. Ein wissenschaftliches Buch ist ein Rätsel, das entziffert werden muß; wenn man Dir den Schlüssel gibt, scheint nichts einfacher und natürlicher zu sein als die Lösung; aber wenn sich Dir ein zweites stellt, wirst Du genauso unfähig sein wie beim ersten. (...)

Es ist wahrscheinlich, daß Du irgendwelche Stunden geben kannst; nimm nicht vor allem die leichtesten oder die lukrativsten an, sondern die schwierigsten, sogar wenn es sich sicher um Dinge handelt, die Du noch nicht weißt.«

Ein Altersgenosse wollte von ihm in Algebra unterrichtet werden. Er übernahm die Aufgabe. Hatte dabei keine Ahnung von dem Stoff. Besaß auch kein Lehrbuch, kein Geld, eines zu kaufen. Im Zimmer des Rektors gab es, das wußte er, ein Mathematikbuch. Er brach ein, entlieh das Buch, begann zu studieren. »Newtons Binom« fesselte ihn. Die Nacht brachte er darüber zu, begriff schließlich. Hatte nun den Stoff für die erste Stunde, wie er meinte. Wußte nicht, daß das Problem schon das Ende, das Ziel aller Stunden war. Doch Lehrer und Schüler erfaßten den schwierigen Stoff. Warum aber Minus mal Minus Plus sein sollte, das blieb ihm dunkel, ihm wie dem Schüler. Doch er erklärte es dem Schüler so lange, bis dieser begriff. Dann hatte auch er, der Lehrer, begriffen.

Wilder Honig

Die Schüler mochten ihren jungen Lehrer. Er ging mit ihnen ins Freie und unterrichtete sie in Geometrie - Landvermessung.

»Das Gymnasium hatte kein einziges der nötigen Geräte; aber mit meinem fetten Gehalt, 700 Franc, bitte sehr, zögerte ich nicht lange, mich in Unkosten zu stürzen. Meßkette und Richtlatte, Meßpfähle und Wasserwaage, Winkelmesser und Kompaß wurden auf meine Rechnung angeschafft. (...) Ab Mai verließen wir einmal pro Woche das düstere Schulzimmer und wanderten hinaus in die Felder. (...) Hier war genug Platz für alle nur denkbaren Vielecke. Trapeze und Dreiecke konnten nach Lust und Laune jede Verbindung eingehen. Die endlosen Weiten ließen uns freies Spiel, und ein altes Gemäuer, früher ein Taubenschlag, diente uns beim Einrichten des Winkelmessers als Senkrechte.«

Der Lehrer, der lernend lehrte, lernte von seinen Schülern: Immer wieder hoben die Steine auf, zerbröselten sie, kratzten mit Strohhalmen etwas heraus, lutschten es.

»Ich höre mich um, und alles wird klar. Der Schüler, geborener Schnüffler und Beobachter, weiß längst, wovon der Lehrer noch keine Ahnung hat. Auf den Kieseln des Brachfelds baut eine dicke schwarze Biene ihre Nester. In diesen Nestern ist Honig, und meine Landvermesser öffnen sie, um die Zellen mit einem Strohhalm ausräumen zu können. Wie man hier vorgehen muß, wird mir rasch beigebracht. Der Honig ist durchaus genießbar, wenn auch etwas herb. Auch mir gefällt die Sache, und ich mische mich unter die Nestsucher. Die Vielecke werden wir später drannehmen. So also begegnete ich zum ersten Mal Réaumurs Mörtelbiene, ohne ihre Geschichte zu kennen und ohne von ihrem Chronisten etwas zu wissen.

Dieser prachtvolle Hautflügler mit seinen dunkelvioletten Flügeln, dem schwarzen Samtgewand, seinen unförmigen Bauten auf sonnendurchwärmten Kieselsteinen inmitten von Thymian, seinem Honig, der so gut vom Ernst des Winkelmessers ablenkte, er beeindruckte mich tief; und ich wollte mehr über ihn erfahren, als meine Schüler mir beigebracht hatten (...).«

Ein ganzes karges Monatsgehalt gab darauf der Lehrer für die »Naturgeschichte der Gliedertiere«6 aus. Es sollte immer den besten Platz in seiner Bibliothek einnehmen, zur Erinnerung an die ersten Gefühle, die ersten Freuden, die er den Insekten dankte.

»Das Buch wurde verschlungen, das ist das Wort. Ich erfuhr dort den Namen meiner schwarzen Biene; ich las zum ersten Mal etwas über das Verhalten der Insekten; ich entdeckte die für mich von einem Glorienschein umgebenen Namen Réaumur, Huber, Léon Dufour; und während ich das Buch zum hundertsten Mal durchblätterte, flüsterte mir eine zaghafte innere Stimme vage zu: Und auch du, du wirst auch einmal Geschichtsschreiber der Tiere sein!«

Münzen

Steine weckten seine Aufmerksamkeit. Ein Herbarium wurde angelegt und begann zu wachsen. Später sollte es gigantische Ausmaße annehmen.

Der jüngere Bruder brach in die Ferien nach Vezins auf. Der Ältere gab ihm Aufträge mit, beschrieb ihm die Stücke, die ihm in seinen Sammlungen fehlten. Er hatte seit seiner Kindheit den Fuß nicht mehr dorthin gesetzt, erinnerte sich doch genau an alle Pflanzen, die in seinem Geburtsland wuchsen, an die Charakteristika, an denen sie der Bruder unfehlbar erkennen konnte, an all die Orte, an denen sie vorzugsweise gediehen, wo er sich als kleiner Bub verloren hatte.

Er grub römische Münzen aus der Erde. Sie vergegenwärtigten ihm die Geschichte.

Die Wissenschaften waren ihm nicht nur ein Mittel, sein Brot zu verdienen, sondern, schrieb er an seinen Bruder: »...eines der vornehmsten Dinge, das Mittel, den Geist zu erheben in der Betrachtung der Wahrheit, ihn willentlich von dem Elend der Wirklichkeit zu lösen und so, in den geistigen Regionen, die einzigen glücklichen Viertelstunden zu finden, die zu kosten uns vergönnt ist«.

»Frédéric, die Wissenschaft, die Wissenschaft ist alles.«

Noch eine Leidenschaft hatte der junge Mann, außer den Wissenschaften: die Jagd. Besonders die Jagd auf Lerchen. Sein Auge war ausgezeichnet, er verfehlte sein Ziel nur selten.

Fieber

Der junge Mann heiratete. Am 3. Oktober 1844 wurde die Ehe mit Marie Césarine Villard geschlossen. Sie war Lehrerin in Carpentras, Tochter eines Schneiders, knapp drei Jahre älter als ihr Mann. Das erste Kind wurde bald geboren. Noch kein Jahr alt, starb das Mädchen. Kurz darauf wurde ein Knabe geboren.

Die Eltern des jungen Vaters hatten nirgends Glück. Nun zogen sie nach Pierrelatte, machten wieder ein Café auf. Alle wohnten jetzt im Umkreis von ein paar Meilen. Das eigentliche Familienoberhaupt war der Lehrer. Er schlichtete Streitigkeiten, gab Ratschläge.

Um weiterzukommen, mußte er Prüfungen ablegen. In Montpellier bestand er zuerst das Bakkalaureat7, einige Monate später das Lizentiat8 in Mathematik und Physik.

Der kleine Sohn wurde krank, noch während der Vater sich auf die Prüfungen vorbereitete. Binnen weniger Tage starb auch dieses Kind.

»Nach einigen Tagen einer bemerkenswerten Besserung, die mich schon glauben ließ, er sei gerettet, sind zwei große Zähne durchgebrochen. (...) Ein schreckliches Fieber hat ihn in drei Tagen weggenommen, nicht von uns, die wir ihm folgen werden, aber von diesem elenden Leben. Armes Kind, ach, ich werde dich immer so sehen wie in deinen letzten Momenten, wie du deine großen, verwirrten Augen gegen den Himmel gerichtet und den Weg in dein neues Vaterland gesucht hast. Das Herz schwer von Tränen, werde ich wohl oft meine Gedanken auf deinen Spuren wandern lassen; aber, ach, mit den Augen meines Körpers werde ich dich nie mehr wiedersehen. Ich werde dich nie wiedersehen, und habe doch noch vor wenigen Tagen die schönsten Vorhaben für dich geschmiedet. Ich habe nur für dich gearbeitet; bei meinen Studien habe ich nur an dich gedacht und dir gesagt: Werde groß, und ich werde in deine Seele die Kenntnisse gießen, die mich so viel kosten und die ich Stückchen für Stückchen aufhäufen muß. (...) Doch Überlegung führt mich zurück zu den höchsten Gedanken. Ich halte die Tränen in meinem Herzen zurück und beglückwünsche ihn, daß der Himmel ihm dieses Leben der Prüfungen erspart hat. (...) Mein armes Kind (...), du wirst nicht wie dein Vater gegen das Elend und das Unglück kämpfen müssen; du wirst nicht die Bitternis des Lebens kennenlernen und den Kummer, den es macht, sich eine Position zu erschaffen in einer Zeit, die so viele in Richtung Elend befördert. (...) Ich beweine dich, weil du uns fehlst, aber ich freue mich, weil du glücklich bist. (...) Du bist glücklich, und das ist nicht nur die törichte Hoffnung eines vom Leid gebrochenen Vaters; nein, dein letzter Blick hat es mir gesagt, in einer Weise, die zu beredt war, als daß ich daran zweifeln könnte. Ach, wie schön du warst in deiner Todesblässe, den letzten Atem auf den Lippen, die Augen im Himmel und die Seele bereit aufzusteigen zum Herzen Gottes. Dein letzter Tag war dein schönster.«

Brocken

Sie lebten von einem Tag zum andern, wie die Bettler. Oft monatelang war die Stadt mit den Gehältern im Rückstand. »Man muß die Tür des Kassiers belagern, um einige Brocken zu ergattern. Ich finde es so beschämend, und ich würde gerne auf meine Ansprüche verzichten, wenn ich wüßte, wo ich sonst etwas herkriegen könnte.«

Auch wartete der Lizentiat auf die Nachricht seiner Beförderung. Bescheiden beschränkte er seine Hoffnung darauf, als professeur9 an ein Gymnasium berufen zu werden. Es entging ihm ein Lehrstuhl für Mathematik in Tournon. Eine andere Stelle glitt ihm in Avignon durch die Finger, er wußte nicht, wie und warum. Er begann »deutlich zu ahnen, was das Leben wirklich ist, wie schwierig es ist, sich ins rechte Licht zu setzen in diesem Durcheinander von Intriganten, Bittstellern und Dummköpfen, die jeden freien Posten belagern«.

Muscheln

Ein Lehrstuhl für Physik am collège in Ajaccio10 wurde frei. Gehalt: 1800 Franc. Korsika begeisterte den jungen Gymnasiallehrer. Er verlor sich in den tiefen Wäldern, in den Bergen voll duftender Blumen, er wanderte durch Buschwerk von Myrten und Mastixbäumen, konnte kaum seine Gefühle beherrschen, als er die jahrhundertealten Kastanien von Bastelica erblickte, enorme Stämme, dichtbelaubte Zweige.

Seinem Vater schrieb er: »Das glitzernde, unendliche Meer zu meinen Füßen, gewaltige Granitblöcke über meinem Haupt, die hübsche weiße Stadt am Rand des Wassers, und das endlose Dickicht der Myrten, von dem berauschende Düfte ausgehen, Buschwerk, das nie ein Pflug berührt hat und das den Berg vom Fuß bis zum Gipfel bedeckt, die Boote der Fischer, die die Bucht durchziehen, all das bietet einen so großartigen, so ergreifenden Anblick, daß, wer es einmal gesehen hat, es immer wieder sehen will.«

Und auch nach einem Jahr war er noch genauso begeistert. An den Bruder schrieb er von seinem Erstaunen »vor diesen granitenen Kämmen, zerfressen und ausgezackt von der Rauheit des Klimas, vom Blitz umgestürzt, zerrüttet von der langsamen, aber beständigen Arbeit des Schnees; vor diesen schwindelerregenden Abgründen, in denen die vier Winde des Himmels heulen; vor diesen gigantischen schiefen Ebenen, an denen sich Schneedecken von zehn, zwanzig, dreißig Metern Dicke aufhäufen, über welche sich kleine eisige Bäche schlängeln, die Tropfen für Tropfen die klaffenden Krater füllen werden, um Seen zu bilden, schwarz wie Tinte im Schatten, blau wie der Himmel im Licht. (...)

Doch es wird mir nicht gelingen, dir den kleinsten Eindruck von diesem schwindelerregenden Spektakel zu vermitteln, von diesem Chaos in erschreckender Unordnung aufgehäufter Felsen. Wenn ich - die Augen schließend - diese Produkte der Konvulsionen der Erde im Geist betrachte, wenn ich die Adler schreien höre, die in den grundlosen Schlünden kreisen, deren schwarze Dunkelheiten der Blick kaum zu streifen wagt, dann packt mich der Schwindel, und ich öffne die Augen, um mich der Wirklichkeit zu vergewissern.«

Und er fügte seinem Brief ein paar Ästchen der Immortelle bei, die er inmitten des ewigen Schnees gepflückt hatte. »Du wirst sie in ein Buch legen, und wenn dir, während du das Buch durchblätterst, die Immortelle unter die Augen kommt, dann wird das für dich eine Gelegenheit sein, dir die schönen Schrecken ihres Geburtsortes zu vergegenwärtigen«.

Wieder wurde er Vater. Seine Frau ging aufs Festland zurück, um das Kind zu bekommen. Es wurde am 3. Oktober 1850 geboren, Antonia Andréa genannt. Dieses Kind sollte leben.



Alles war neu für ihn auf Korsika, nicht nur die Pflanzenwelt, auch die Reichtümer des Meeres. Gleich am Morgen pflegte er loszugehen, die kleinen Buchten zu besuchen, die Strände zu durchqueren, in der Tasche ein Stück Brot.

Es waren Morgen der rosigen Illusionen. Er träumte von einer Muschelkunde Korsikas, entwarf den Plan einer kolossalen vergleichenden Geschichte aller Mollusken auf korsischem Boden und in korsischen Gewässern. Er analysierte, beschrieb, klassifizierte Meeres-, Land- und Süßwasserarten. Bat seinen Bruder, in der Umgebung von Orange Vergleichsobjekte zu sammeln.

Im Übrigen »wird dir die Infinitesimalrechnung Leibnitz' demonstrieren, daß die Architektur des Louvre weniger gelehrt ist als die einer Schnecke; der große Geometer hat seine transzendenten Spiralen auf dem Haus einer Schnecke abgerollt, die du, wie die breite Masse, nur mit Spinat und holländischem Käse angerichtet kennst.«

Daneben beschäftigte die Mathematik seine Gedanken. Die Eigenschaften einer Figur oder einer Kurve, die er gerade entdeckt hatte, konnten ihn nächtelang nicht schlafen lassen.

»Diesen ganzen Morgen habe ich mich mit sternförmigen Vielecken beschäftigt, bei denen ich von Überraschung zu Überraschung fortschreite.«

Plötzlich konnte sich ihm die Frage stellen: Wie schnell muß sich wohl die Sonne um sich selbst drehen, wenn ihre Atmosphäre sich bis zur Erde erstreckt? Die Frage gebar eine andere, diese wieder eine, und der Rosenkranz blieb nicht stehen. Die Zahl, der Raum, die Bewegung, die Ordnung bildeten eine einzige Kette, deren erstes Glied alle übrigen bewegte.

Die Figuren der analytischen Geometrie entfalteten sich ihm »wie superbe Strophen«: Die Ellipse, »die Flugbahn der Planeten, mit ihren zwei befreundeten Brennpunkten, die einander eine gleichbleibende Summe von Vektorstrahlen senden«; die Hyperbel, »mit ihren feindlichen Brennpunkten, die verzweifelte Kurve, die sich in den Raum stürzt mit unendlich langen Fühlern, welche sich mehr und mehr einer Geraden nähern, der Asymptote, ohne sie jemals zu erreichen«; die Parabel, »die in der Unendlichkeit sinnlos nach ihrem zweiten, verlorengegangenen Brennpunkt sucht; sie ist die Flugbahn der Bombe, der Weg gewisser Kometen, die eines Tages unsere Sonne besuchen und danach wieder in Tiefen fliehen, aus denen sie niemehr zurückkehren.«

Er schrieb ein Poem von siebenunddreißig Strophen: »Die Zahl« (»ARIQMOS«).11

Anatomie

Ein berühmter Botaniker kam nach Ajaccio, Esprit Requien aus Avignon, »der einen Karton voll grauem Papier unterm Arm trug, schon seit längerem kreuz und quer auf Korsika botanisierte, preßte, trocknete und dann alles an seine Freunde verteilte«. Die beiden wurden bekannt miteinander, freundeten sich an. Der ewig wißbegierige Gymnasiallehrer wurde Schüler des großen Pflanzenkenners. Die unmeßbar reiche Pflanzenwelt der Insel eröffnete sich dem Schüler. Der Lehrer starb bald, der Jünger war tief erschüttert.

Moquin-Tandon, Professor aus Toulouse, kam, um Requiens Werk fortzusetzen: die vollständige Bestandsaufnahme von Korsikas Pflanzenreichtum. Auch ihm schloß sich der junge Lehrer als Schüler an. Bot ihm, da im Hotel alle Zimmer für die Mitglieder des eben einberufenen Landtages belegt waren, Unterkunft und Verpflegung an: »ein improvisiertes Bett in einem Zimmer mit Blick auf das Meer, dazu Muränen, Steinbutt und Seeigel, ein recht frugales Mahl in diesem Schlaraffenland, und dazu, weil noch unbekannt, von großem Interesse für den Naturforscher«. Er half beim Sammeln der Pflanzen auf den Hängen des Monte Renoso, oft »bis in die Dämmerung, den Mantel über dem Rücken, vor Kälte erstarrt«. Der Ältere, brillanter Schriftsteller, lehrte den Jüngeren den Wert von Stil und Form selbst in botanischen Beschreibungen.

»Mit Moquin-Tandon eröffneten sich mir neue Aspekte. Hier hatte ich nicht mehr mit einem Verfasser von Verzeichnissen mit Hilfe eines untrüglichen Gedächtnisses12 zu tun, vor mir stand vielmehr der Naturforscher mit weitgespannten Ideen; der Philosoph, der die Einzelheiten in den großen Zusammenhang stellt; der Schriftsteller, der Dichter, der es versteht, den magischen Mantel einer gestaltenden Sprache über die nackte Wahrheit zu werfen. Nie wieder werde ich ein solches geistiges Fest erleben.«

Eines Tages nach dem Essen, sozusagen zwischen dem Obst und dem Käse, sezierte Moquin-Tandon für den Schüler eine Schnecke. »›Sie befassen sich mit Muschelschalen‹, sagte er zu mir, ›das ist immerhin schon etwas, aber es genügt nicht. Wir müssen uns vor allem über das Tier unterrichten. Ich werde Ihnen zeigen, wie man das macht.‹ Und mit feinen Scheren ausgerüstet, die er dem Nähkorb des Hauses entnommen hatte, versehen mit zwei Nadeln, die er in aller Eile mit einem Stück Weinranke bestielt hatte, zeigte er mir in einem Teller voll Wasser die Anatomie einer Schnecke. Nach und nach folgte die Erläuterung und entstand die Skizze der vor uns ausgebreiteten Organe. Dies war also der einzige bemerkenswerte Unterricht in Naturgeschichte, den ich je in meinem ganzen Leben bekommen habe.«

»Geometer werden gemacht, Biologen werden geboren«, schrieb er an seinen Bruder.

»Ich seziere das unendlich Kleine. Meine Skalpelle sind kleine Dolche, die ich aus feinen Nähnadeln herstelle; meine Marmorplatte ist der Boden einer Untertasse; meine Gefangenen sind dutzendweise in alten Zündholzschachteln untergebracht, maxime miranda in minimis.«

Kaum ein Jahr nach der Bestellung des jungen Physiklehrers erwog die Stadtverwaltung, seine Stelle einzusparen. Dazu kam es nicht. Doch etwas später wurden die Gehälter der Gymnasiallehrer um die Hälfte gekürzt.

Zu all den Schwierigkeiten kam noch ein Sumpffieber. Seine abendlichen Streifzüge über die sumpfigen Strände hatten es ihm eingebracht. Er mußte um seine Versetzung ansuchen, darauf bestehen, aufs Festland zurückkehren zu können. Es fiel ihm schwer.

Drei Tage dauerte die Überfahrt. Das Meer war derart außer sich geraten, daß er meinte, sterben zu müssen.

Nach und nach gewann er seine Gesundheit zurück. Er erfuhr, daß er ans lycée13 von Avignon berufen worden war.

Urzeugung

Eine Zeitlang lebte die junge Familie unter den gotischen Bogen des mittelalterlichen Klarissenkonvents, wo einst Petrarca seiner Laura begegnet war. Aglaé Emilie wurde hier am 26. Mai 1853 geboren, die Tochter, die ein Leben lang im Haus des Vaters bleiben sollte.

Besessener Arbeiter seit je, nahm er seine unterbrochene Tätigkeit mit Feuer wieder auf. Ein Ziel schwebte ihm vor: von einem Lehrstuhl aus über Tiere und Pflanzen zu reden. Seinen beiden Lizenzen in Mathematik und Physik fügte er die der Naturgeschichte hinzu.

Er erstaunte und verwirrte die Professoren von Toulouse. Unter den Themen der Prüfung war eines die berühmte Frage der Urzeugung14, damals immer noch heftig diskutiert. Der Prüfer war einer der großen Apostel dieser Theorie. Der Prüfling scheute sich nicht, dem Professor mit seinen persönlichen Überzeugungen entgegenzutreten.

»Ich komme gerade aus Toulouse, wo ich das beste Examen abgelegt habe, das man sich wünschen kann. Ich wurde mit den schmeichelhaftesten Komplimenten als Lizentiat begrüßt, und die Prüfungsgebühren sollen mir zurückerstattet werden.«

Er hätte nun die agrégation anstreben können, ein Staatsexamen, das ihn zum professeur für höhere Schulen gemacht hätte. Doch fürchtete er, dadurch Zeit für seine naturgeschichtlichen Studien zu verlieren. Er bereitete seine Doktorarbeit vor, in der er die Studien fortsetzen wollte, die er in Korsika begonnen hatte.

Knotenwespe

»Für jeden denkenden Menschen gibt es Bücher, die seinem Leben Richtung geben, weil sie ihm neue Horizonte öffnen. (...)

An einem Abend im Winter, allein am Ofen, dessen Asche noch warm war - die Familie schlief schon -, vergaß ich beim Lesen die Sorge für den kommenden Tag, die düstere Sorge eines Physiklehrers, der, nachdem er ein Universitätsdiplom nach dem anderen erworben hat, (...) für sich und die Seinen ein Jahresgehalt von 1600 Franc erhielt, weniger als der Lohn eines Stallknechts in einem Herrenhaus. So wollte es die beschämende Knickrigkeit jener Epoche für alles, was den Unterricht betraf, so wollte es auch die Bürokratie. War ich doch einer außerhalb der gewöhnlichen Ordnung, einer, der sich selbst gebildet hatte. Inmitten meiner Bücher also vergaß ich das Elend meiner Professorenstelle, als mir eine entomologische Schrift in die Hände fiel, die, ich weiß nicht warum, sich unter meinem Lesestoff fand.«

Es war ein Werk des damaligen Patriarchen der Insektenkunde Léon Dufour über die Lebensweise der Cerceris15, der Knotenwespe. In ihrem unterirdischen Nest hatte Dufour kleine Käfer aus der Gattung Buprestis gefunden, Prachtkäfer. Die Wespe fängt sie als Nahrung für ihre Nachkommenschaft. Sie legt ihre Eier darauf ab, die ausgeschlüpften Maden verzehren den Käfer.

Ausführlich schilderte der Artikel die Arbeitsweise der Wespe beim Nestbau. Betonte den »entomologischen Scharfblick«, mit dem die Wespe zwar unterschiedliche Käferarten von unterschiedlichem Aussehen jagt, die aber alle derselben Gattung angehören.

Aufregung erfaßte den einsamen Leser.

»Neue Erkenntnisse blitzten auf wie Offenbarungen. Hübsche Käfer in einer mit Kork tapezierten Schachtel zu schlichten, sie zu bestimmen und zu klassifizieren, das war also nicht die ganze Wissenschaft. Es gab etwas Größeres: die tiefergehende Erforschung des Aufbaus und vor allem der Eigenschaften der Tiere. Ich las da pochenden Herzens ein wunderbares Beispiel.«

Vorgänger

In der Tat gab es viel zu tun. Die Insektenkunde war keine sehr alte Wissenschaft. Die meisten anderen Lebewesen hatten die menschliche Neugier früher erregt. Aristoteles hatte in seiner »Geschichte der Tiere« die Insekten als entoma bezeichnet, »die Eingeschnittenen«. Daher die Bezeichnung Entomologie. Die ersten eingehenden Untersuchungen über Insekten wurden von dem italienischen Arzt Marcello Malpighi (1628 - 1694), dem Begründer der mikroskopischen Anatomie, und dem holländischen Arzt Jan Swammerdam (1637 - 1680), dem Entdecker der roten Blutkörperchen, unternommen. Malpighi hatte sich hauptsächlich für die Atmungsorgane der Insekten interessiert, Swammerdam hatte eine ganze Reihe von Insekten systematisch beschrieben. François Huber (1750 - 1831) und sein Sohn Pierre (1777 - 1840) waren unter den ersten, die sich hauptsächlich der Entomologie verschrieben. Sie hinterließen ausführliche Schriften. Der Naturforscher Buffon (1707 - 1788) hatte eine 44-bändige »Naturgeschichte« hinterlassen, doch war er der Meinung, daß »eine Fliege im Kopf eines Naturforscher nicht mehr Platz einzunehmen braucht, als sie in der Natur einnimmt«.


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