Wunschlos tot – Drei düstere Kurzgeschichten
By Birgit Böckli
Circa 47000 Zeichen
Smashwords Edition
Copyright 2011 Birgit Böckli
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Inhaltsverzeichnis
In der Gardinenabteilung taucht ein seltsames Paket auf. Sybille ahnt nicht, dass diese Lieferung ihr Leben für immer verändern wird.
Für Walter Sorell erweist sich ein harmloser Arztbesuch als Reise ins Verderben.
Nacht für Nacht wird Fräulein Molle von düsteren Visionen geplagt. Doch der wirkliche Alptraum beginnt erst mit dem Erwachen.
„Keine Klemmstangen. Vitragenstangen ja, aber keine Klemmstangen. Tut mir leid."
Der ältere Herr entfernte sich kopfschüttelnd. Sybille verdrehte die Augen; das war heute schon der dritte.
Das Telefon an der Kasse klingelte, Sabine rief vom Büro aus durch. „Kommst du einen Moment allein klar? Ich muss kurz an die Rampe, hinten steht ein Lieferant."
„Kein Problem. Lass dir Zeit."
Was sie bloß alle hatten? Jetzt arbeitete sie seit fast drei Monaten hier, und keiner traute ihr etwas zu. Außerdem war der Laden so gut wie leer. Sybille rückte zwei Kartons mit Fertiggardinen gerade und schlenderte an der Box mit Vorhangstangen vorbei. Sie hielt inne und horchte in sich hinein. Die Angst war wieder da. Seit dem Gespräch mit Herrn Feger war sie ihr ständiger Begleiter. Man war nicht ganz zufrieden, hatte er gesagt, mit ihrer Pünktlichkeit, mit ihrer Arbeitsmoral. Sie schnitt die Stoffe schief und bestellte die falschen Waren. Hatte er gesagt. Und dabei gelächelt, als wolle er ihr die frohe Botschaft verkünden.
Seitdem bemühte sie sich noch mehr, alles richtig zu machen. Wenn sie den Hörer abnahm und sich mit "AUREA-TEPPICHLAND" meldete, gab sie ihrer Stimme eine besonders freundliche Note. Sabine hatte es nicht nötig, freundlich zu sein. Sabine war eben Sabine. Arrogant, unordentlich, bei jedem Schnupfen krank geschrieben - und blond!
Feger war sonst ein ziemlich strenger Chef, aber an Sabine schien er einfach einen Narren gefressen zu haben.
„Entschuldigung Fräulein, was kosten die hier?" Eine alte Frau hielt ihr ein Päckchen Geschirrhandtücher unter die Nase.
„Stück zwei fünfzig." Sybille schaute auf die Uhr. Gleich halb acht. Was die Lieferanten sich immer rausnahmen.
Sie begann, unter den Gardinentischen zu kehren, als sie das vertraute Geratter hinter der weißen Trennwand hörte. Dann ein Rumpeln und Sabines Pieps - Stimme von irgendwo aus dem Hauptgang. „Bille, schnell! Beeil dich!"
Pflichtbewusst ließ sie den Besen fallen und mühte sich durch den bunten Parcours an verkäuflichen Schätzen. Ihre Kollegin versuchte, mit einer Hand den Hubwagen festzuhalten, während sie mit der anderen nach zwei Päckchen angelte, die mitten im Gang lagen. Sybille kicherte.
„Nun komm schon her, du Schnepfe!" schimpfte Sabine, "Das Ding ist schwer!"
Das 'Ding' sah tatsächlich sehr schwer aus, und Sybille ging, immer noch lachend, der Kollegin entgegen. Auf dem Hubwagen stand ein riesiger Karton, und sie hatten zu zweit noch Mühe, das Gefährt heil bis in die Gardinenabteilung zu bewegen, vorbei an Wohnzimmertischen und Glasvitrinen. Ein paar Mitarbeiter vom Möbelcenter liefen in ihren grünen Hemden vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Andere Baustelle! Man kannte den anderen mit Namen, man kochte mal einen Kaffee mit, aber das war dann auch das höchste der Gefühle.
Am Schneidetisch begann Sabine damit, die Ware auszupacken. Als Sybille von der Kasse zurückkam, füllte sie gerade das gelbe Nähgarn auf. Jetzt stand nur noch dieses Riesenpaket im Raum.
Alex, der Teppichverkäufer, kam belustigt auf sie zu, die Hände tief in den Taschen vergraben. „Was habt ihr denn da bestellt?" Er tippte das Monstrum neugierig mit dem Finger an.
„Es ist alles gekommen." Sabine legte den Kopf schief und dachte einen Moment nach. „Außer einem Päckchen Klebehaken ist alles da - und das da sind ganz sicher keine Klebehaken!" Sie lief verächtlich um das fremde Versandstück herum. „Es ist auch kein Lieferschein dran."
„Mach schon auf", sagte Alex. "Ich hab gleich Feierabend. Überstunden abbauen." Er nahm das Cuttermesser, schob die Klinge ein Stück vor und ritzte ungeduldig das Paketband auf. Die Seiten des Kartons schwangen auseinander wie die Flügel einer Tür. Sybille warf einen Blick hinein und erschrak. Zwei Augen starrten sie aus der Dunkelheit an.
„Was zur Hölle ist das?" Sabine griff hinein und zog mit beiden Händen eine riesige hölzerne Statue heraus. „Scheiße!" rief sie so laut, dass sich zwei Kunden nach ihnen umdrehten. „Die hat doch von uns keiner bestellt. Feger dreht mir den Hals um, wenn er hört, dass ich die angenommen hab."
Hoffentlich tut er das, dachte Sybille.
Die Statue stellte einen Schwarzen dar, einen Buschmann, nackt bis auf den Lendenschurz und mit einem reich verzierten Speer in der Hand. Er hatte ernste, fast grimmige Gesichtszüge, aber das eigentlich erstaunliche waren seine Augen. Die Augen waren als einziger Teil bemalt, und das so lebensecht, dass sie einen ständig zu beobachten schienen. Sybille fröstelte. Sie hatte schon gute, wirklich sehr gute Schnitzarbeiten gesehen, zum Beispiel den heiligen Christophorus mit dem Jesuskind auf der Schulter, der in der Tischlerei ihres Vaters gestanden hatte, das war ein ganz bemerkenswertes Stück gewesen. Aber nichts im Vergleich zu dem hier. Diese Figur hatte so etwas Lebendiges an sich. Als würde sie gleich anfangen, sich zu bewegen.