Excerpt for Wo ist Mama ? by Dr. med. Conrad Nolte, available in its entirety at Smashwords





Wo ist Mama ?

Keine Zeit für Kinder

Von der Missachtung der Kinder
in Politik und Gesellschaft



Dr. med. Conrad Nolte

Smashwords Edition

Copyright 2010 by Dr. med. Conrad Nolte

alle Rechte vorbehalten



Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Reizwort Rabeneltern

Einleitung

Das Rürup-Gutachten

Was ist das, ein Kind?

Entwicklung allgemein

Entwicklung vor der Geburt

Entwicklung nach der Geburt

Sozialisation

Die Pubertät

Drei Karrieren in Konkurrenz

Die Karriere des Kindes

Die Kinderkrippe

Er war ein Kerl wie ein Baum. Sie nannten ihn Bonsai.

Die Karriere der Frau ohne Kind

Die Berufskarriere der Frau nach der Geburt eines Kindes

Die Mutterkarriere der berufstätigen Frau

Mutterkarriere als Hauptberuf

Belastungen durch das Aufziehen von Kindern

Ersatz und Verwöhnung

Verhaltensstörungen

Orale Fixierung

Daumenlutschen und die erste Prothese - der Schnuller

Die Dauernuckelflasche

Esssucht und Übergewichtigkeit

Alkoholabusus

Rauchen

Kaufsucht

Verweigerung

Anorexia nervosa, pubertäre Magersucht

Bindungsschwäche

Elektronikabusus

Lautsprechermissbrauch

Fernsehmissbrauch

Schädelbumsen

Einnässen, Einkoten

Aggressivität

Autoaggression

Vermeidung von Verhaltensstörungen

Folgen und Kosten

Schlussfolgerungen

Über den Autor



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Vorbemerkung

Brennende Autos und Jugendliche als üble Schläger, übergewichtige Kinder und Erwachsene, Schulverweigerer und nicht ausbildbare Lehrlinge, Bindungsschwäche, konkretisiert in steigenden Scheidungszahlen und Eheverweigerung, Alkoholismus, Nikotin- und Drogensucht, das sind alles Übel, die nicht zufällig über unsere Gesellschaft gekommen sind. Der Autor sieht deren Ursprung in einer grandiosen Missachtung der kindlichen Bedürfnisse während der frühen Kindheit und führt die Erkenntnisse aus Entwicklungs- und Tiefenpsychologie, Verhaltensbiologie mit den allseits zu beobachtenden Fakten und Verhaltensweisen zusammen.

Der Titel dieses Buches entstammt einem Gespräch mit einer Freundin, die von ihrem Aufwachsen mit acht Geschwistern erzählte - wie sie nach der Schule als Erstes mit diesem Ruf ins Haus stürmten und bei ihrer Mutter all das loswerden konnten, was der Tag an Erfreulichem, aber auch an Ärgerlichem, Nöten und Ängsten gebracht hatte. Mütter sind der Mittelpunkt und der gute Geist einer jeden Familie mit Kindern, und es ist immer wieder zu beobachten, wie beim Fehlen einer Mutter der Familienverband zum Zerfall neigt.

Dieses Buch hat ein sehr ernstes Thema, nämlich das der Betreuung unserer kleinsten Kinder und deren Beeinträchtigung durch die modernen Trends aus Wirtschaft und Geschlechterkampf, die darauf hinauslaufen, den Kindern zu früh ihre Mütter zu entziehen. Deshalb werden wichtige Tatsachen ohne Schonung ausgesprochen werden; hiermit folge ich Sir Peter Ustinow, der einmal sagte

Um sanft, tolerant, weise und vernünftig zu sein,

muss man über eine gehörige Portion Härte verfügen.“

Dabei hat sich gelegentlich ein Hauch von Sarkasmus nicht vermeiden lassen, denn für die Auseinandersetzung zwischen den Rechten von Kindern und den Sprüchen, die in der von der Ökonomie oder dem Geschlechterkampf geprägten Literatur zu lesen sind, kann zur Zeit oftmals nur der Ausspruch des Juvenal gelten:

Difficile est satyram non scribere

( deutsch etwa: Es fällt schwer, [hierüber] keine Satire zu schreiben ).

Das Buch ist ausdrücklich kein Buch gegen Frauen und ihre Wünsche und mühsam erkämpften Rechte, sondern eins für die Interessen und Rechte von Kindern und auch für die ihrer Eltern. Es soll die Augen öffnen für das, was vielen Kindern heute von unserer Gesellschaft und einigen ihrer Institutionen zugemutet und angetan wird, soll die Schäden herausstellen, die hieraus entstehen, und möchte über eine Hebung des allgemeinen Bewusstseins vor allem gerade auch Frauen vermeidbares späteres Leid ersparen, denn überwiegend sie sind es, die letztlich unter den Folgen mit zu leiden haben.

Es kann sein, dass das, was es an Informationen enthält, bei manchen ein schlechtes Gewissen erzeugt. Das wäre gut so, wenn es zur Korrektur leichtfertig getroffener falscher Entscheidungen führen würde, so bedauernswert es auch für die ist, die durch äußere Umstände zu falschem Verhalten gezwungen sind.

Die Ursache der Verfehlung ist die Unkenntnis des Besseren.

Demokrit

Einige überkopfte Gemüter, denen es schwer fällt, sich den Regeln von Mutter Natur unterzuordnen, werden sicherlich Anstoß daran nehmen, dass in der Argumentation dieses Buches die Biologie des öfteren herangezogen wird, und dem Autor den Vorwurf des Biologismus machen. Das wäre aber dann genau so töricht, als wollte man Architekten oder Maschinenbauern Physikalismus vorwerfen, denn der Mensch ist nun mal ein Teil der Fauna und somit den biologischen Gesetzen unterworfen. Er hat mit der übrigen Tierwelt mehr gemeinsam, als manchem lieb ist, mit dem Schimpansen zum Beispiel 98,7% seiner Gene Die Aphoristikerin und Psychotherapeutin Gerlinde Nyncke sagt hierzu mit Recht:

Der Mensch ist das einzige Tier, das sich einbildet, keins zu sein.

Das hilft ihm aber nichts. Zwar steht es dem Menschen weitgehend frei, sich dem Diktat seiner Instinkte zu entziehen, das Tieren einen sicheren Halt gibt und und sie in fast jeder Situation dazu bringt, das Richtige zu tun. Sein hoch entwickelter Verstand gibt ihm die Möglichkeit, sich völlig anders zu verhalten und andere Wege zu gehen, als von der Natur vorgesehen, sich vieles leichter zu machen und sich Lästiges und Unangenehmes ganz zu ersparen. Hierbei sollte vom Verstand aber auch der rechte Gebrauch gemacht und vor allem eindimensionales Denken vermieden werden. Und dem oder der Denkenden sollte auch klar sein, dass,“wer groß denkt, auch groß irren kann“, ein Argument, mit dem sich einst der Philosoph Heidegger für seine Verstrickungen in den Nationalsozialismus entschuldigte; er sollte Irrwege erkennen oder, noch besser, vermeiden und da, wo es sinnvoll oder gar unverzichtbar ist, alte, über Millionen von Jahren bewährte Verhaltensweisen tunlichst wieder aufzunehmen, um sich und seine Mitmenschen vor Schäden zu bewahren.

Tradition ist bewährter Fortschritt, Fortschritt ist weitergeführte Tradition.

Carl Friedrich von Weizsäcker

Ein durch große Massenversuche belegtes Beispiel, wie ein auf den ersten Blick plausibel, ja geradezu ideal erscheinendes Konzept eines neu konstruierten Menschenbildes völlig an den tatsächlich gegebenen Eigenschaften des Menschen vorbei geplant und durchgesetzt wurde und aus diesem Grund an diesen scheitern musste, ist der Kommunismus, von dem Winston Churchill einmal gesagt haben soll „Wer mit 20 Jahren kein Kommunist ist, hat kein Herz, wer mit 30 noch einer ist, keinen Verstand“. Das Idealbild von der Gleichheit aller, von einem Staat, in den sich jeder voll einbringt zum Wohle aller und in dem für alle das Gleiche herausspringt, lässt sich sehr schön auf dem Papier entwerfen und ist bei Ameisen und Bienen auch tatsächlich verwirklicht, funktioniert jedoch nicht mit einer Tierart, welche derart auf die Feststellung von Rangordnungen und damit Unterschieden fixiert ist, dass sie zum Beispiel - von den Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften bis hin zu Kreismeisterschaften, Lokalderbys und Vereinsmeisterschaften - einen Millionenaufwand betreibt, um zu ermitteln, welcher Mensch auf der Erde eine bestimmte Strecke zu Fuß, auf Skiern oder einem Fahrzeug schneller als alle anderen zurücklegt - und sei es auch nur um einige tausendstel Sekunde schneller als die beiden nächsten oder gar der Vierte, zu dem als nicht auf dem Treppchen Stehenden ein deutlicher Rangunterschied sich auftut. Die Ergebnisse der wöchentlich ausgetragenen Tests, wer ein nur hierzu verwendetes Gerät am weitesten schleudert, hochhebt oder mit Fuß, Hand und Kopf in ein Netz befördert, werden von einem Millionenpublikum in den Sportsendungen verfolgt und dort ausführlich kommentiert. Die ganze menschliche Gesellschaft ist gegliedert in Rangordnungstreppchen, von der Völkergemeinschaft bis hinab in die Kegel-, Brieftaubenzüchter- und Kleingartenvereine mit ihren ersten und zweiten Vorsitzenden und ihren Kassierern und Beisitzern. Insofern war das System des Kommunismus mit seinem Gleichheitswahn nicht nur in seiner praktischen Durchsetzung, die stets nur unter Zwang bis hin zur Einkerkerung, Deportation oder gar Tötung von Millionen Menschen möglich war, schon als Konzept nicht dem Menschen angemessen und damit von seiner Natur her unmenschlich in jeglicher Hinsicht. Es konnte deshalb auch keinen Bestand haben Der Mensch ist durchaus daraufhin angelegt, in sozialem Frieden und einem Füreinander-da-Sein zusammenzuleben, für die Erziehung hierzu gelten aber andere, von der Natur vorgegebene Wege, als die des Kommunismus. Und von diesen Naturgesetzen kann man sich nicht emanzipieren. Das wusste schon Horaz, als er schrieb:

Naturam expelles furca, tamen usque recurrit

was soviel heißt, wie

Wenn du die Natur auch mit der Mistgabel (das heißt mit aller Gewalt) austreibst, kommt sie doch wieder zurück.

Und dann fordert sie ihr Recht. Wie das aussieht, davon handelt dieses Buch.

Wir werden sehen, dass ähnliches auch für den derzeit anlaufenden Großangriff des vermeintlich ökonomisch denkenden Vaters Staat auf die frühe Kindheit gilt, einem Drittel der ein- bis dreijährigen Kinder früh ihre Mütter wegzunehmen und es in staatlichen Sammelbetreuungseinrichtungen notdürftig zu versorgen, weil die Wirtschaft nach Arbeitskräften verlangt und auf die gut ausgebildeten jungen Mütter nicht verzichten möchte.

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Reizwort Rabeneltern

Vorab noch ein Weiteres: In der Diskussion um verschiedene Formen der Kinderbetreuung fällt immer mal wieder als Vorwurf der Ausdruck “Rabeneltern“ für Eltern, die ihre Kinder schon als Säuglinge und Kleinkinder in Krippen abschieben oder sie in anderer Hinsicht schlecht versorgen. Uns Deutschen speziell wird dann angeblich regelrecht vorgeworfen, dass es einen solchen Begriff für “schlechte“ Eltern nur in unserer Sprache gäbe, und dass ein vergleichbares Wort im Wortschatz anderer Länder nicht vorkomme. Dessen brauchen wir uns nicht zu schämen, sondern sollten froh darüber sein, dass in unserem Land offenbar die Gefühlsarmut Kindern gegenüber noch nicht flächendeckend verbreitet ist, dass vielmehr wenigstens bei den meisten Deutschen noch ein gehöriger Rest instinktiven Missbehagens bei der Fehlbehandlung von kleinsten Kindern besteht.

Trotzdem sollte man allerdings aus zwei Gründen Eltern nicht abschätzig Rabeneltern nennen: erstens sind Menschen mit auf Armut oder aber Unkenntnis beruhendem Fehlverhalten nicht böse und bestrafenswert, sondern selbst Opfer, weil sie es nicht besser gelernt haben. Sie sollten deshalb nicht verächtlich gemacht, sondern aufgeklärt und durch Unterstützung zum richtigen Verhalten gebracht werden. Zweitens werden durch eine solche Gleichsetzung in Wirklichkeit die Raben diskriminiert, denn diese stehen zu Unrecht in dem Ruf, schlechte Eltern zu sein. Sie unterziehen sich vielmehr der Aufzucht ihrer Jungen ganztags voller Zärtlichkeit und Hingabe. Sie leben in Einehe und haben ein reiches Sozialverhalten, wie beispielsweise gegenseitiges Füttern, Schnäbeln und Federkraulen. Die Paare brüten gemeinsam ihre Eier aus, die hauptsächlich brütende Mutter wird vom Vater mit Futter versorgt und zu Brutpausen abgelöst; nach dem Schlüpfen kümmern sich beide aufopfernd um ihre Jungen. Sie gehen sogar ins Wasser, um die jungen Raben mit dem in ihrem Gefieder aufgenommenen Nass zu baden, und bemühen sich sehr, ihre Kinder beisammen zu halten und zu füttern, wenn diese kurz vor dem endgültigen Flüggewerden voller Entdeckerfreude hüpfend und flatternd das elterliche Nest schon verlassen und seine unmittelbare Umgebung erkunden. Rabeneltern sind also in Wirklichkeit Mustereltern; ihren Schimpfnamen hat ihnen allein die Beobachtung eingetragen, dass sie, wie andere Vögel übrigens auch, bei Nahrungsmangel schon einmal ein kränkliches, kümmerndes Jungtier über die Nestkante stoßen, um wenigstens die gesunden satt zu bekommen, ein Verhalten, wie es auch wir Menschen bei der mit sozialer Notlage begründeten Abtreibung betreiben.



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Einleitung

Der Autor gehört einer Generation an, deren Eltern nach den Gräueln des Zweiten Weltkrieges und des Holokausts der Vorwurf gemacht wurde, nichts gegen die Verwandlung Deutschlands in eine menschenverachtende, von Wahnideen wie der “Gesundung des deutschen Volkskörpers“ durch “Eugenik“ und “Rassenreinheit“ oder vom “Volk ohne Raum“ geprägte aggressive imperialistische Diktatur getan zu haben, obwohl zwar durchaus nicht alles Furchtbare, aber doch Manches und Entscheidendes vor den Augen aller stattfand. Er hat sich daher die Frage gestellt, ob es nicht auch in seiner eigenen Generation Probleme und schwerwiegende Fehlentwicklungen gäbe, die wir, ohne genau hinzusehen, einfach so geschehen lassen, und welche Versäumnisse des Gegensteuerns wir uns möglicherweise am Ende unseres Lebens von unseren Kindern würden vorhalten lassen müssen. Dabei wurde ihm schon früh klar, dass es die Zerstörung unserer Umwelt ist, weil sie mittlerweile soweit vorangeschritten ist, dass sie nicht mehr „nur“ Tiere, Pflanzen und ferne Völker, sondern jeden von uns selbst unmittelbar berührt, weil sie auch in den innersten Kreis seiner Umwelt, die Familie, vorgedrungen ist. Auch die Umweltzerstörung beruht auf einem Wahn, dem blinden Fortschritts- und Wachstumswahn. Bis zu einem gewissen Grade wird den vielen mit der Umweltzerstörung verbundenen Problemen inzwischen zwar die nötige Aufmerksamkeit gewidmet, eine Lösung der Probleme scheitert jedoch meist an den ihr entgegenstehenden Einzelinteressen der Mächtigen.

In der Kinderarztpraxis des Autors, in der er mit seiner Frau, einer Kinderpsychologin, zusammenarbeitete, wurden die beiden häufig mit verhaltensgestörten Kindern konfrontiert, bei denen sie sich bemühen mussten, die Ursachen der seelischen Schäden, die Fehler im Umgang mit ihnen angerichtet hatten, aufzuspüren und nach Möglichkeit abzustellen. Ihnen war klar, dass die Verhaltensstörungen oft durch die Beschädigung der unmittelbarsten Umwelt der Patienten, der Familie, verursacht wurden. Neben anderen Erziehungsfehlern, Teilleistungsstörungen und innerfamiliären Konflikten war es in vielen Fällen der Zerfall der Familienstruktur oder die frühe Mutterentbehrung durch die außerhäusliche Berufstätigkeit der Mütter junger und jüngster Kinder. Diese wird, soweit nicht ganz einfach aufgrund finanzieller Not betrieben, in letzter Zeit von der Wirtschaft aus Gründen der Arbeitskostenreduzierung und von den Verfechterinnen eines falschverstandenen monoman feministischen Gleichheitsstrebens aus ideologischen Gründen als Normverhalten geradezu gefordert. Die Frage danach, ob das gleichzeitige Engagement von Frauen in Familie und außerhäuslicher Berufstätigkeit überhaupt schadlos möglich sei, wird dabei sowohl in der feministischen Literatur, als auch in den Verlautbarungen aus Politik und Wirtschaft stets unter unerträglicher Nichtbeachtung der Rechte und Bedürfnisse der Kinder und geflissentlichem Übersehen der bereits eingetretenen Schäden an der Gesellschaft entweder gar nicht gestellt oder leichtfertig bejaht.

Dabei muss unsere Gesellschaft inzwischen als krank bezeichnet werden. Von Jahr zu Jahr wächst der Anteil verhaltensgestörter Kinder, infolgedessen grassieren Störungen im Zusammenleben der Erwachsenen; viele Menschen sind unfähig zu länger dauernden Bindungen geworden, die Zahl der Eheschließungen geht zurück, die der Scheidungen steigt an, es werden zu wenige Kinder geboren, die geborenen werden immer häufiger vernachlässigt. Die Solidarität der Menschen untereinander schwindet, die Einkommensschere zwischen sehr reich und arm klafft immer weiter auseinander. Die Minderbemittelten neiden den Reichen ihren Luxus, aber auch die Gutsituierten und in Arbeit Stehenden missgönnen denen, die wegen Krankheit, zu niedrigen oder zu hohen Alters oder auf Grund ihrer Biografie zu Gegenleistungen nicht fähig sind, die ihnen zukommenden Sozialleistungen. Der hierüber geführte Diskurs erschreckt vielfach wegen der zu Tage tretenden Gemütskälte und dem Mangel an Mitgefühl. Bei den Kranken wurde als ersten mit dem Abbau der Solidarität begonnen: zusätzlich zu Schmerzen, Angst und Leid werden sie seit den Kostendämpfungsgesetzen für ihr Kranksein auch noch selbst zur Kasse gebeten und mussten 2010 außer den jeden Monat fälligen Beiträgen und der neu eingeführten Praxisgebühr allein für verschriebene Arzneimittel 1,8 Milliarden € zuzahlen. Die Arbeitslosen bekamen mit der Hartz-IV-Regelung und dem Rückzug der Arbeitgeber aus der bis dahin paritätischen Finanzierung der Arbeitslosenversicherung als nächste die Entsolidarisierung zu spüren. Auch den Rentnern werden ihre Bezüge zusammengestrichen. In vollem Bewusstsein dessen, dass es für das Gros der Arbeitnehmer keine Arbeit bis zu diesem Zeitpunkt wird geben können, wird das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre heraufgesetzt und eine durch Nicht-mehr-Beschäftigung erzwungene frühere Inanspruchnahme mit Abschlägen bestraft.

Die Gewaltbereitschaft, gerade auch von Kindern und Jugendlichen, ist in stetigem Anstieg. “Die herkömmliche Familie ist tot und lässt sich in alter Form nicht wiederbeleben“ - das wird als “gesellschaftlicher Wandel“ fröhlich einfach so festgestellt, allenfalls noch kurz beklagt; dann geht man alsbald wieder zur Tagesordnung über und arbeitet auch von Amts wegen fleißig mit an ihrer weiteren Zerstörung, statt zu versuchen, letzterer entgegen zu wirken. Ähnliche Tendenzen sah zu seiner Zeit Homer in der damaligen griechischen Hochkultur, der dann ja, in historischen Dimensionen gedacht, wenig später der Zusammenbruch beschieden war, wenn er schrieb:

Welche Klagen erheben die Sterblichen wider die Götter!

Nur von uns, wie sie schrei‘n, kommt alles Übel; und dennoch

schaffen die Toren sich selbst, dem Schicksal entgegen, ihr Elend.

Homer,Odyssee

Zu nennen ist an erster Stelle der Zweite Weltkrieg mit seinem gewaltigen Aderlass an gefallenen Vätern. Auch die Kinder, deren Väter körperlich heil nach Hause zurückkehrten, hatten vorher über wichtige Entwicklungsjahre auf sie verzichten müssen. Das gilt auch für die unmittelbare Nachkriegszeit, in der sie nicht viel von ihren Vätern hatten, die vielfach gebrochen aus dem Krieg zurückkehrten oder hauptsächlich mit dem Aufbau oder der Wiederherstellung ihrer Existenz beschäftigt waren. Viele Kinder erlernten nicht mehr das Leben in einer vollständigen Familie. Sie hatten oftmals auch schon während des Krieges nicht nur ihre Väter, sondern auch ihre Mütter entbehren müssen, weil diese die von den abwesenden Männer hinterlassenen Lücken auf dem Arbeitsmarkt auszufüllen hatten und damit große Teile des Tages zuhause nicht zur Verfügung standen, ein Los, das vorher den Kindern schlechter bezahlter Arbeiter, Arbeitsloser oder alleinstehender Mütter vorbehalten war. Dass Frauen in dieser Notlage es schafften, sich und ihre Kinder irgendwie durch ihrer Hände oder Köpfe Arbeit durchzubringen, ließ die fatale Illusion von der Vereinbarkeit vom Aufziehen kleiner Kinder und einer außerhäuslichen Berufstätigkeit entstehen. Es war damals, wie auch heute noch in weiten Kreisen von Politik und Bevölkerung, wohl nicht üblich, sich darüber Gedanken zu machen, ob es unter solchen anormalen Umständen eventuell bei den Kindern zu bleibenden seelischen Verletzungen kommen könnte. Deshalb wurden diese auch nicht wahrgenommen, sie bestimmen aber bis heute das Verhalten der Kriegs- und Nachkriegsgeneration. Sie prägten wahrscheinlich auch in starkem Maße das Bewusstsein der Achtundsechziger mit ihrer Ablehnung alles Herkömmlichen und ihrer Verteufelung der Familie, die viele von ihnen offenbar nicht als Ort der Geborgenheit und des Glücklichseins, sondern, auch als Folge des in der Zeit des Nationalsozialismus propagierten Umgangs mit Kindern - „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ -, des Zwangs und der Indoktrination, erlebt hatten.

Die dann in den letzten fünfzig Jahren in Deutschland betriebene Familienpolitik hat den Verfall der Familie nicht nur in seiner Bedeutung nicht erkannt, sondern ihn in mancher Hinsicht noch gefördert. Viele Entscheidungen unserer PolitikerInnen jeglicher Richtung und offenbar der meisten ihrer Berater waren und sind von einem soliden Nichtwissen um die Natur des Kindes und seine Bedürfnisse geprägt, oder, was noch schlimmer wäre, das Wissen ist zwar inzwischen vorhanden, ist den Regierenden aber völlig gleichgültig. So wurden und werden beispielsweise die Zeiträume, in denen der Staat berufstätigen Müttern durch Zahlung eines Teils des entgangenen Arbeitsentgelts ermöglicht, frei von finanziellen Zwängen, ihre Kinder selbst betreuen zu können, nie nach entwicklungspsychologischen Kriterien, sondern stets nur nach Kassenlage des Staates festgesetzt, heutzutage außerdem vor allem nach den Wünschen der Wirtschaft, die ihre weiblichen Arbeitskräfte ungern über längere Zeit entbehren möchte; das weiter unten nochmals zu erwähnende Rürup-Gutachten, nach dessen Vorschlägen die derzeitige Familienpolitik konzipiert ist, spricht dies offen aus.

In die entscheidenden Positionen der Politik und der meinungsbildenden Medien sind mittlerweile aus den Nachkriegsgenerationen offenbar zu viele Menschen hineingewachsen, die selbst eine den Kindern gerecht werdende Kindheit nicht mehr erlebt haben. Sie haben vielleicht nie erfahren, was eine vollständige Familie mit Vater, Mutter und mehreren Geschwistern bedeutet, geschweige denn begriffen, was sie neben der Sorge für das leibliche Wohl für Leistungen bei Bildung und Charakterformung erbringt. Sie wissen nicht, was Kindern zusteht, sie fühlen sich aber und werden auch gleichwohl zu FamilienministerInnen berufen. Und die, die selbst in einer unvollständigen Familie oder, wie in der DDR, in einem von seiner Ideologie her familienfeindlichen, auf Überwindung der kleinbürgerlichen kapitalistischen Gesinnung durch staatlich durchstrukturierte Massenerziehung bedachten System aufgewachsen sind, hielten und halten ihre eigenen Erfahrungen als Eineltern- oder Krippenkinder für die Normalität und machen sie zur Grundlage ihrer Politik mit den allseits zu besichtigenden fatalen Folgen. Auch wer als Kind mit Prügeln erzogen wurde, hält es für normal, dass Kinder geprügelt werden müssen und prügelt seine Kinder in der Überzeugung „Das hat mir damals auch nicht geschadet“, ohne zu wissen, dass es besser - und auch durchführbar - ist, Kinder ohne Prügel zu erziehen. Die zitierte Behauptung erweist sich also schon bei kurzer näherer Betrachtung selbst als Ausdruck eines erlittenen Gemütsschadens, ist sie doch ein Zeichen für eine mangelnde Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und Einfühlungsfähigkeit in die eigene Seele, vor allem aber in die Seelen von solchen „neuen Lebensformen“ ausgesetzten Kindern. Die von derart denkenden Volksvertretern verbreitete Volksverdummung ist inzwischen so weit vorangeschritten, dass sich in einer von einem deutschen Nachrichtenmagazin durchgeführten Studie 78 % der Befragten der Wahnidee hingaben, die Fremdbetreuung von Kindern in den ersten drei Lebensjahren sei unschädlich, und 70 % sich davon sogar eine positive Wirkung auf das Sozialverhalten versprachen. So wurden die bedauernswerten Verhältnisse der Kriegs- und Nachkriegszeit in den seit damals vergangenen sechzig Jahren immer weiter fortgeschrieben, und das werden sie auch heute noch.

Man trifft immer wieder auf den Glauben, das Durchmachen einer entbehrungsreichen Kinder- und Jugendzeit führe zu besonders tüchtigen Menschen; das mag wohl mal vorkommen, ist aber keineswegs garantiert, und in wohlbehüteten Verhältnissen aufgewachsene Kinder bewähren sich bei Belastungen als mindestens genau so tüchtig. Bemerkenswert in den Memoiren besonders erfolgreicher Persönlichkeiten ist, dass darin häufig die Leistung der Mutter besonders hervorgehoben wird; diese darf man getrost als den entscheidenden Faktor für das Gelingen einer Kindheit trotz widriger Umstände ansehen.



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Das Rürup-Gutachten

Ein krasses Beispiel für einäugiges, Kinderinteressen völlig missachtendes politisches Denken und Vorgehen ist das für die Familienpolitik der damals rotgrünen Bundesregierung von dem Ökonomieprofessor (nicht aber etwa von einem Entwicklungspsychologen) Bert Rürup erstellte und von den folgenden Koalitionen übernommene Konzept für eine „nachhaltige Familienpolitik“. Im Vorwort zu diesem ist aus dem Munde der damaligen Familienministerin Renate Schmidt zu lesen: „Der Charme der Familie (Charme heißt auf Deutsch Liebreiz oder Zauber) für jeden Einzelnen von uns bedarf keiner Begründung. Das Neuartige am vorliegenden Gutachten ist, dass es den ökonomischen Charme (also den ökonomischen Liebreiz, in diesem Zusammenhang ist das Wort ein Hohn !) der Familie herausarbeitet“. Wer der Familie als Umfeld für ein kindgerechtes Aufwachsen keine höhere Funktion zumisst, als eben etwas Charme auszustrahlen, dessen Ignoranz ist schon von hohen Graden. Der glaubt dann auch, das Verbringen von Kindern aus der Obhut einer Mutter in eine Massenpflegeeinrichtung sei eine Verbesserung der Kinderbetreuung, und verkauft eine solche Maßnahme als familien-, womöglich sogar noch als kinderfreundlich.

Es lohnt sich, sich einmal damit zu beschäftigen, welche Überlegungen das Rürup-Gutachten bestimmen. Es argumentiert so: Der Staat ist wegen der sinkenden Geburtenzahlen, der daraus resultierenden fortschreitenden Überalterung der Bevölkerung und der damit verbundenen Abnahme der Erwerbsfähigenzahlen einerseits langfristig dringend auf die Geburt von mehr Kindern angewiesen; er braucht sie als zukünftige Arbeitskräfte und Verbraucher, als Steuer- und Beitragszahler für die Sozialsysteme. Neben diesem Fernziel möchte der Staat aber auch gleichzeitig auf die Schnelle den sich schon jetzt abzeichnenden Arbeitskräftemangel mit dem Rückgriff auf die bisher noch nicht erwerbstätigen Frauen beheben, vor allem auf das Reservoir der wegen ihrer Kinder derzeit noch nicht außer Haus arbeitenden Mütter.

Der einzelne Staatsbürger möchte eigentlich gern, muss aber nicht unbedingt Kinder haben und verzichtet in zunehmendem Maße auf sie, weil sie ihn Geld und Freiheit kosten. Das Gutachten stellt fest, dass der Hauptgrund der niedrigen Kinderzahl in Deutschland die hohe Zahl der Frauen ist, die gar kein Kind haben. Wer aber erst einmal eins hat, entschließt sich oft auch zu einem zweiten. Dementsprechend ist Rürups Rat an die Bundesregierung, mit einem nicht zu knapp bemessenen Elterngeld die Frauen zur Geburt eines Kindes zu verlocken. Damit sollen die von ihm so benannten Opportunitätskosten vernebelt werden, das sind neben den Kosten, die der Unterhalt des Kindes selbst verursacht, auch die, die durch den Wegfall des mütterlichen Einkommens zusätzlich entstehen. Dieses Elterngeld soll zur Vermeidung allzu hoher Staatsausgaben und zu langer Freistellung der Mutter nur möglichst kurze Zeit gewährt werden. Ist das Kind erst einmal da, werden die Eltern schon allein für es sorgen. Deshalb wird das Elterngeld nur ein Jahr gezahlt und hört dann auf. Die jetzt in voller Höhe zu Buche schlagenden Kosten sollen die jungen Mütter rasch wieder in ihren Beruf zurücktreiben, damit die Wirtschaft auf die Arbeitskraft der Mutter nicht zu lange verzichten muss. Für das Kind bedeutet das : möglichst schnell ab in eine Krippe! Diese Strategie macht es sich zunutze, dass die jungen Eltern in der Regel einmal nicht wirklich ahnen, was an Kosten nach der Geburt eines Kindes auf sie zukommt und zum anderen, dass sie nicht wissen, was sie ihrem Kinde mit einer zu frühen Trennung von der Mutter antun.

Ein willkommener Nebeneffekt der von der derzeitigen Regierung betriebenen so genannten Familienpolitik - in Wahrheit: Wirtschafts- und auf weibliche Wählerstimmen schielenden populistischen Feminismuspolitik - ist Folgendes: das Aufziehen von Kindern wird kommerzialisiert, die Mütter werden den Kindern frühzeitig entzogen und diese in die Hände bezahlter Ersatzmütter gegeben. Die bisher in der Familie ohne finanzielles Entgelt geleistete Erziehungs- und Betreuungsarbeit wird damit besteuerbar und sozialabgabenpflichtig, zusätzlich verrichten auch die Mütter wieder abgabenpflichtige Tätigkeiten, wenn sie nicht in den noch kostengünstigeren Minijobs verschlissen werden. Das ist offenbar das, was die damalige SPD-Familienministerin Renate Schmidt unter dem Begriff “ökonomischer Charme der Familie“ verstand, den herausgearbeitet zu haben sie im Vorwort zum Rürup-Gutachten an diesem besonders lobte. Diesem Charme sind auch ihre Nachfolgerinnen als Familienministerin, Ursula von der Leyen und Kristina Schröder von der CDU, erlegen, die sich schon zur Zeit der Großen Koalition immer mehr als Wirtschafts-Hilfs-Ministerin erwies, um dann in der schwarz-gelben Koalition bereitwillig endlich das Arbeitsministerium ganz zu übernehmen. Noch als Familienministerin erhielt sie für diesen Verrat an den Kinderinteressen den Mittelstands-Award, den sie voller Stolz entgegennahm.

Die Rürup´schen Gedankengänge lehnen sich stark an die Verhältnisse in Schweden an, das schon seit Jahrzehnten die Frauen unter der Devise “Gleichstellung der Geschlechter“ aus der Familienarbeit in die Produktion überführt hat. Nur 2 % der Frauen dort würden sich noch als Hausfrauen bezeichnen, 76 % sind berufstätig; lediglich 4 % der Mütter arbeitet weniger als 19 Stunden, dagegen die Hälfte aller Mütter von 3 Kindern Vollzeit. Darum müssen 83 % der Kinder in Kindertagesstätten verwahrt werden. Bei einer Befragung Elfjähriger gaben 11 % der schwedischen Kinder an, dass sie niemals das Gefühl gehabt hätten, dass jemand in ihrer Familie sie lieb habe; Kinder anderer Länder machten fast nie diese Aussage. Von weiteren Auswirkungen auf die Kinder wird unten im Kapitel Verhaltensstörungen ausführlich die Rede sein.

Von einem echten finanziellen Familienlastenausgleich sind wir in Deutschland weit entfernt, sodass 1,8 Millionen Kinder unter 14 Jahren und 1 Million junger Menschen zwischen 15 und 24 Jahren auf Hartz IV-Leistungen angewiesen sind. Geradezu zynisch mutet es an, aus Politikerinnenmund zu hören, die Ermöglichung der Berufstätigkeit der Mütter jüngster Kinder sei ein gutes Mittel zur Bekämpfung der grassierenden Kinderarmut, in der 2004 noch „nur“ etwa 1,5 Millionen Kinder lebten, 2009 schon 3 Millionen. Da fehlt dann nur noch die Aufhebung des Verbotes der Kinderarbeit und die Ermunterung zur möglichst frühzeitigen Aufnahme einer solchen als letzter Schritt. Erste Vorboten hierfür finden sich schon in den Tagespensen derjenigen GymnasiastInnen, die ihr Abitur nach nur noch zwölf- statt bisher dreizehnjähriger Schulzeit ablegen müssen, ohne dass der Lehrstoff dem eingesparten Jahr entsprechend entrümpelt worden wäre. Die Tagesleistungen dieser Kinder erreichen die der meisten Erwachsenen nicht nur, sondern übersteigen sie an vielen Tagen.

Auch schämt sich unser Staat nicht, von dem Geld, das sich ältere Schüler, deren Eltern arbeitslos sind, in Ferienjobs verdienen, um wenigstens halbwegs mit ihren glücklicheren Altersgenossen mithalten zu können, große Teile auf das Familieneinkommen anzurechnen und vom Arbeitslosengeld gleich wieder einzubehalten. Das Ganze wird dann womöglich noch hochgelobt als frühe Übernahme von Eigenverantwortung, die immer dann ins Feld geführt wird, wenn der Staat sich aus seiner Verpflichtung zur Unterstützung seiner schwächsten Mitglieder zurückziehen möchte.


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